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Libysche Grenze bis Kairo

Nach dreieinhalb Stunden durchfahren wir den letzten Kontrollpunkt und präsentieren stolz unsere arabisch geschriebenen Fahrerlaubnis, die Versicherungspolice, das korrekt gestempelte Carnet, unserer neuen gelben Kennzeichen und die mit allerlei Stempeln und Wertmarken verzierte Doppelseite in unseren Pässen: wir sind in Ägypten!
 
Wir wollen den geneigten Leser nicht langweilen mit zu viel Details, wollen den lichtlosen Gang vor Mr. Mohammeds Büro nicht näher beschreiben, wollen nicht erwähnen, was außer Stapeln von Geldscheinen noch so alles liegt auf dem Schreibtisch von Mr. Hassan, wollen uns nicht lustig machen über die verschmierte Uniform des armen Assistenten, der unter der Haube unseres Toyota herumkriecht, um die Motornummer durch Rubbeln vom Motorblock abzukopieren, wollen den Inhalt der zwei Akten, die eigens für uns angefertigt werden, die wir von A nach B tragen (von dort nach C und wieder zurück) nicht verraten, und vor allem den Namen des Zollbeamten nicht preisgeben, der mich nach der Röntgenkontrolle unserer Reisetaschen zur Seite nimmt und fragt, ob es sich bei den Schmerztabletten um „Sexpills“ handele. Wir sind drin. Und das reicht erstmal.
 
Die ersten 250 km in Ägypten unterscheiden sich landschaftlich kaum von dem, was wir die letzten 1200 km in Libyen zu sehen bekommen hatten: Steppe, niedriges Buschwerk, einzelne Sanddünen. Aber mehr Menschen, mehr Hütten, weniger Reifenteile und keine toten Kamele. Dafür der eine oder andere Eselskarren, der uns als Geisterfahrer auf der autobahnähnlich ausgebauten Straße entgegenkommt.
 
Marsa Matruh ist eine saubere Stadt. Im Sommer Badeort für die ägyptische Mittelschicht. Wir beziehen ein einfaches Hotel an der Strandpromenade und sind die einzigen Gäste. Jetzt, Mitte November, erreichen die Temperaturen kaum mehr als 25°C. Und vom Meer her weht beständig ein kräftiger Wind.
Wir machen Pause. Zwei Tage schlendern wir durch die Stadt, probieren all die Köstlichkeiten, die an den zahlreichen Garküchen und einfachen Restaurants für wenige Cent angeboten werden und unternehmen lange Spaziergänge an den feinsandigen, wenn auch über weite Strecken mit Feriensiedlungen verbauten und zum Teil leider ziemlich vermüllten Stränden außerhalb der Stadt.
 
Bei El Alamein führt uns das Mahnmal der deutschen Kriegsgräberfürsorge wieder einmal die Sinnlosigkeit und Grausamkeit von Kriegen vor Augen, bevor wir kurz darauf die ersten der Feriendörfer passiere, die sich über 100 km bis an den Rand der Millionenstadt Alexandria zwischen der Straße und der Mittelmeerküste hinziehen. Nach Durchfahren der schmutzigen Vororte mit ihrem chaotischen Verkehr präsentiert sich Alexandria als eine fast kosmopolitische Metropole mit mediterranem Flair und wir beginnen bald, uns wohl zu fühlen.
 
Doch sind wir mehr auf der Suche nach der Andersartigkeit des ländlichen Lebens und so fahren wir schon am nächsten Tag weiter nach Osten. Rashid (Rosetta) markiert das westliche Ende des Nildeltas, dieses gleichschenkligen Dreiecks mit etwa 200 km Kantenlänge, der Kornkammer Ägyptens. Wir manövrieren unseren Wagen durch die engen Gassen, fahren über Müllberge und durch Schlammlöcher und fühlen uns zurückversetzt in eine andere Zeit. Das Leben spielt sich auf der Straße ab. Polsterer, Schmied und Bäcker gehen ihrem Handwerk nach, Pferdekutschen und Eselskarren besorgen den Transport von Mensch und Material. Wäre da nicht die eine oder andere schmucke Karosse aus der Nachkriegszeit und der allgegenwärtige Plastikmüll…
Die Suche nach einem Stellplatz für die Nacht außerhalb der Stadt verläuft leider erfolglos - unsere Arabischkenntnisse reichen nicht aus, um unser Anliegen zu verdeutlichen - und so werden wir schließlich von einem klapprigen LKW zurück in die Stadt geleitet, wo wir zu unserem großen Erstaunen ein geradezu komfortables modernes Hotel finden.
Wir schlendern durch die Gassen, kaufen an einem Stand ein Paar über Holzkohle gegrillte Hackfleischspieße und setzen uns damit in eines der Teehäuser, wo sonst ausschließlich Männer sitzen, spielen, palavern und Wasserpfeife rauchen. Wieder erleben wir die wenn auch wortlose herzliche Freundlichkeit der anderen Gäste und der Wirt will uns am Schluss gar die Zeche erlassen. Wir lehnen dreimal ab, schließlich nimmt er den angebotenen Schein, zieht aber nur etwa die Hälfte des regulären Preises ab.
Hinter der nächsten Ecke werden wir in die Werkstatt eines Polsterers zum Tee geladen und sitzen - bald hat sich ein Rechtsanwalt als Dolmetscher hinzu gesellt -lange Zeit in der lustigen Runde.
Zwei Straßen weiter finden wir uns bald inmitten einer Hochzeitsgesellschaft wieder. Zu lauter Musik wird ausgelassen gefeiert. Wir werden untergehakt und dem Brautpaar vorgestellt. Tanja muss den Zungenschlag erlernen, mit dem die Frauen ein Geheul erzeugen, was wir eher einem Indianer auf Kriegspfad als einer arabischen Frau zugetraut hätten, während sich der Rest der Gesellschaft über meine unbeholfenen Versuche amüsiert, mich mit den anderen Männern zur orientalischen Musik zu bewegen.
 
Unser Weg führt weiter nach Osten. Die Straße, auf der wir fahren, ist auf unserer Karte von 2002 nicht eingezeichnet und wird in unserem Reiseführer Stand 2001 als in Planung befindlich erwähnt, sieht aber aus, als sei sie vor etwa 20 Jahren zum letzten Mal ausgebessert worden. Nach wenigen Kilometern werden wir an einem Polizeiposten aufgehalten. Nach der Kontrolle der Papiere gibt der Beamte etwas von sich, was nach viermaliger Wiederholung etwa wie „security“ klingt und schon springen vier bewaffnete Männer in einen Pick-Up und bedeuten uns, ihnen zu folgen. Nach zunächst gemütlicher Fahrt wird unsere Schutztruppe bald durch ein zweites Fahrzeug ergänzt, und so kümmern sich bald 12 Soldaten um unsere Sicherheit. Bei einbrechender Dunkelheit und dichter werdendem Verkehr kommen Blaulicht und Sirenen zum Einsatz und so rasen wir bald durch die Nacht, gut 250 km bis an den Stadtrand von Kairo. An jeder Verwaltungsgrenze wird die Mannschaft gewechselt, und so beschäftigen wir auf unserem Weg weit mehr als 100 Beamte. Unsere Sorge indes gilt mehr der Sicherheit der Landbevölkerung als der eigenen,: Manch einer kann sich mit seinem Esel gerade noch vor den heulenden Fahrzeugen an den Straßenrand retten. Das Gebiet ist dicht besiedelt: Ägypten hat fast ebenso viele Einwohner wie Deutschland und ist ungefähr viermal so groß. Das fruchtbare, besiedelte Gebiet indes erreicht gerade mal die Größe Baden-Württembergs!