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Assuan - Luxor - Edfu - Marsa Alam - Safaga

Assuan ist die am weitesten südlich gelegene Stadt des heutigen Ägypten. Wegen seiner Lage am ersten Katarakt, dem ersten Hindernis für die Schifffahrt auf dem Nil von Norden her, markierte der Ort zu Beginn der Geschichtsschreibung die Grenze der bewohnbaren Welt und war wegen des angenehmen Klimas und der pittoresken Umgebung eines der ersten Ziele europäischer Touristen auf dem afrikanischen Kontinent.
 
Auf viele Besucher wirkt die heute etwa 400.000 Einwohner zählende Stadt wie eine gemütliche, aufgeräumte Kleinstadt und tatsächlich folgt das Leben hier einer gewissen Ordnung: als wir einige Pferdekutschen, die an einer roten Ampel warten, rechts überholen und über die Kreuzung fahren, schaut uns der Dienst habende Verkehrspolizist überrascht nach, als sei es anderswo in Ägypten keine Selbstverständlichkeit, Verkehrsregeln zu ignorieren.
 
Wir empfinden Assuan als eher langweilig und die aufdringlichen Souvenirverkäufer und die unnachgiebigen Schlepper, die zwar wie die meisten Ägypter fließend englisch sprechen, denen das Wörtchen „no“ aber unbekannt zu sein scheint, tragen auch nur eine begrenzte Zeit zu unserer Unterhaltung bei. So beziehen wir Quartier bei „Adams Home“ etwa 20 mit Autominuten von der Stadt entfernt auf der anderen Seite des Flusses. Hier steht das Auto vor einem originalgetreu restaurierten nubischenHaus. Einige kleine Zimmer gruppieren sich um einen großen Hof und das freundliche Personal ist ständig bemüht, die Fußspuren auf dem sandigen Boden mit einem Besen zu entfernen. Yahya, der 61 jährige umtriebige, aber auch sehr gesellige und hilfsbereite Besitzer der Anlage zählt uns deren Geschichte: Hier war er mit 11 Geschwistern, seinen Eltern und Großeltern aufgewachsen, nach dem Tod seines Großvaters, dessen Name die Herberge heute trägt, war das Haus mehr als 30 Jahre lang unbewohnt, bevor er es zusammen mit einem Verwandten vor einigen Jahren renovierte. Zunächst wurde hier ein Restaurant betrieben, bevor ihn vor zwei Jahren ein deutscher Afrikafahrer auf die Idee brachte, Stellplätze für Durchreisende anzulegen. Seither ist  „Adams Home“ eine Institutionen in der Szene und fast jeder, der entlang des Nils den Kontinent durchquert, macht hier Station. Und so treffen wir hier Guus und Katrien wieder und lernen Damian, Otto und Michael kennen, drei Motorradfahrer aus Bayern auf dem Weg zum Kap. Für die gesamte Tour haben sie drei Monate eingeplant, sind bisher etwa drei Wochen unterwegs und liegen somit „gut in der Zeit“.  Als sie vom Verlauf ihrer Reise erzählen, verwechseln Sie häufig Zeit und Ort und Michael bezeichnet er selbst als eine Schande, sich in diesem Tempo durch Afrika zu bewegen, aber: „Schließlich besser als gar nicht“.
 
Die nächste Station für alle auf dem Weg nach Süden ist der Sudan. Es gibt zwei Pisten, die Ägypten mit dem südlichen Nachbarn verbinden, doch Ausländer können von Norden kommend nur über den Nasser - Stausee in  das größte Land Afrikas einreisen. Ausreichende Nachfrage vorausgesetzt verkehrt jeden Montag ein Boot über den See, welches Autos und Waren in etwa 48 Stunden über die etwa 500 km lange Distanz transportiert. Die fünf haben Glück und können gleich am nächsten Tag weiterreisen. So bleiben wir für den Rest der Woche die einzigen Gäste bei „Adams Home“, faulenzen, waschen Wäsche in einer altertümlichen Waschmaschine, sitzen beim Tee und plaudern und erkunden die Umgebung.
 
In den 1990er Jahren hatte es in Ägypten eine Serie von Terroranschlägen gegeben, die ihren grausamen Höhepunkt am 11.11.1997 bei einem Massaker im Hatchepsut -  Tempel bei Luxor fand, bei dem achtundfünfzig Menschen ums Leben kamen. Seither hat die ägyptische Regierung eine ganze Reihe von Maßnahmen beschlossen, um die Touristen vor weiteren Anschlägen zu schützen. Zu diesen Maßnahmen gehört zum Beispiel die Konvoipflicht: Fahrzeuge mit ausländischen Insassen müssen in Niltal zwischen Qena und Abu Simbel sowie auf der einzigen für Ausländer offiziell befahrbaren Verbindungsstraße zwischen dem Niltal und dem  Roten Meer in einem militärisch eskortierten Konvoi fahren. Andere Strecken sind für Ausländer gesperrt oder nur mit individuellen Begleitschutz befahrbar (vergleiche auch Bericht „Ägypten bis Kairo“).
Diese Regelung ist durchaus nicht unumstritten, Kritiker meinen, gerade solche Konvois erstellten ideale Ziele für Terroristen da; uns scheint es zumindest fraglich, ob es der Völkerverständigung dient, wenn der gemeine Bauer von bewaffneten Sicherheitskräften daran gehindert wird, seine Arbeit nachzugehen und warten muss, wie sich die Blechlawine aus 150 Bussen, voll gestopft mit weißen Touristen an ihm vorbei gewälzt hat. Für den Individualtouristen bedeuten solche Maßnahmen natürlich eine erhebliche Beschränkung der Reisefreiheit. Ein ägyptisch - deutsches Ehepaar, im Mietwagen in Niltal und den Oasen der Westlichen Wüste unterwegs, berichtet uns, man könne sich in Mittelägypten keinen Meter ohne Polizeischutz bewegen und selbst das Hotel dürfe man nur in Begleitung von Sicherheitskräften verlassen. Im gesamten Land gibt es zahlreiche Polizeiposten. Man wird gefragt nach dem Woher und Wohin, die Autonummer wird notiert, manchmal werden die Pässe kontrolliert oder nach dem nächsten Anlaufpunkt gefragt. In den Oasen haben wir erlebt, dass unsere Angaben überprüft und beim Camp nach unseren weiteren Plänen gefragt wurde. Wiederholt mussten wir unterschreiben, dass wir keinen Polizeischutz wünschen (ohne dass allerdings ein solcher angeboten worden wäre), manchmal wurden wir einfach ungefragt eskortiert. Da liegt die Idee nahe, nach Wegen zu suchen, diese Restriktionen zu umgehen, zumal der grausigen Logik der Terroristen zufolge natürlich nur große Menschenansammlungen als Ziele interessant sind und bis heute kein einziger Überfall auf einen Einzelreisenden in Ägypten bekannt wurde.
So finden wir bald heraus, dass es Stellen gibt, die von der Konvoipflicht ausgenommen sind, dass nicht an allen für das Weiterkommen wichtigen Punkten Polizeiposten stationiert sind, dass es an anderen ein Leichtes ist, solche auf Schleichwegen zu umfahren und dass es außerdem immer wieder gelingt, die Sicherheitskräfte zu überreden, uns doch passieren zu lassen.
In Darau, einem kleinen Ort nördlich von Assuan gibt es einen interessanten Tier- und Gemüsemarkt. Unglücklicherweise liegt der am östlichen Ufer des Nils und somit im Konvoigebiet. Am Westufer gibt es, eigenartigerweise in keinem uns bekannten Reiseführer erwähnt und auf keiner Karte eingezeichnet, eine Straße die die dort liegenden kleinen Dörfer miteinander verbindet (und bis mindestens nach Luxor Richtung Norden führt). Auf dieser Straße fahren wir nach Norden, bis uns unser Navigationssystem Darau am gegenüberliegenden Ufer anzeigt und finden mithilfe einheimischer Schulkinder, die wir ein Stück des Weges in unserem Auto mitnehmen, eine Fähre, die uns über den Fluss bringt. Dort finden wir auf der Rückfahrt nach Assuan auf der eigentlich konvoipflichtigen Strecke die Sicherheitskräfte sehr erstaunt und - sie haben schließlich keine Handlungsanweisung für diesen Fall - sie lassen uns ohne weitere Fragen passieren.
 
Über die „Wüstenautobahn“, die, übrigens ebenfalls ohne Polizeikontrollen, in einiger Entfernung vom Niltal schnurgerade durch die öde Landschaft zieht, waren wir am 10.12.2006 nach Assuan gekommen und fahren genau eine Woche später auf der kleinen Straße am westlichen die Ufer wieder nach Norden, Richtung Luxor. Am 19. Dezember soll dort die Maschine landen, die uns Jana bringt, und wir freuen uns sehr darauf, die Feiertage gemeinsam verbringen zu dürfen.
 
Die Straße führt durch ländliches Gebiet, schlängelt sich durch kleine Ortschaften, führt durch Palmenhaine und macht gelegentlich einen kleinen Ausflug in die Wüste. Der schmale Streifen fruchtbaren Landes beidseits des Nils, der Lebensader dieses Landes, ist extrem dicht besiedelt und man muss jederzeit mit Menschen und Tieren auf der Fahrbahn rechnen und entsprechend langsam und vorsichtig fahren. Das Leben spielt sich auf und unmittelbar neben der Straße ab und so gewinnen wir quasi im vorbeifahren Einblicke in den Alltag der Landbevölkerung und haben, anders als bei einer Fahrt im Konvoi, die Gelegenheit, immer wieder mal anzuhalten, Kleinigkeiten einzukaufen, uns von Einheimischen befragen zu lassen nach dem Woher und Wohin (und natürlich danach, ob wir wohl verheiratet seien, eine Frage, die uns bei unseren Reisen in Asien und Mittelamerika sehr häufig gestellt wurde und die wir bei dieser Reise zum ersten Mal ehrlich beantworten) und gelegentlich ein paar Fotos zu machen.
 
Im Nubischen Museum in Assuan hatten wir ausgestellt gesehen, was wir hier im täglichen Gebrauch beobachten können: ein Ochsengespann trabt, getrieben von Kindern, im Kreis. Das Joch ist an einem großen, waagerecht liegenden hölzernen Zahnrad befestigt, welches mit einem senkrecht stehenden Rad verbunden ist. Mithilfe von an diesem Rad befestigten Eimern wird Wasser in kleine Kanäle geschaufelt, die zur Bewässerung der Felder in den Lehm gegraben sind. Frauen waschen Geschirr und Wäsche im Nil oder in einem der den Nil begleitenden Kanäle. In verwinkelten Hinterhöfen werden in großen Lehmburgen Tauben gehalten, Ziegen und Schafe werden über die Straße getrieben, alte Männer winken uns freundlich zu und in all dem Gewimmel rollt bestimmt einer seinen Gebetsteppich aus und neigt sein Haupt gegen Mekka.
 
In Luxor sind wir zurück in der anderen Welt, wehren uns wieder gegen Angebote, die durch stetige Wiederholung leider auch nicht attraktiver werden und lachen im Touristenmarkt herzlich über die zahlreichen Ladenbesitzer, die offenbar alle die gleiche Schule besucht haben: sobald sie uns erblicken springen sie auf, stellen sich uns in den Weg und weisen mit ausgestreckten Armen mal links mal rechts auf ihre Auslagen: „Cheap, cheap“, „Nix kaufen, nur gucken“, „Nur 1 Euro“ und „Du glückliche Mann, haben zwei Frau, gibs mir eine, zahl hundert Kamele“. In Luxor wird die Ausbeutung von Touristen professionell betrieben: in manchen Restaurants gibt es extra Speisekarten für Ausländer. Zu dumm, dass wir inzwischen die in Ägypten gebräuchlichen arabischen Ziffern lesen können…
 
Nicht das nicht auch abseits der touristischen Trampelpfade gelegentlich versucht würde, dem reichen Weißen ein paar Piaster mehr als üblich abzunehmen, doch geschieht das dort erfrischend unprofessionell und naiv und ertappt man den Gauner auf frischer Tat, wird herzhaft miteinander gelacht. Einmal zeigt einer, als wir in einem Teehaus nach der Rechnung fragen, auf das Display seines Handys: es ist gerade für 14:50 Uhr und so soll die Zeche 50 Pfund betragen. Wir bemühen ebenfalls technisches Gerät und rechnen ihm auf unserem Taschenrechner vor, dass wir eine Summe von höchstens 11 Pfund für angemessen halten. Er akzeptiert lachend ohne weitere Diskussion und wird nicht müde, uns dafür zu loben, dass wir die einheimischen Preise kennen und sogar ein paar Worte arabisch sprechen.
Der „Szenetreff“ in Luxor heißt „Rezeiky Camp“. Hier lernen wir Niels und Sanne kennen, ein Paar aus Holland, die mit einem 26 Jahre alten Landrover unterwegs sind nach Namibia oder so weit das Geld eben reicht, kalkuliert haben sie acht bis neun Monate. Am nächsten Tag gesellen sich Jan, Johan, Olle und Bengt hinzu, vier Jungs aus Schweden, ebenfalls in einem Landrover unterwegs, der die besten Tage schon hinter sich hat. Sie haben nur drei Monate Zeit und wollen nach Tansania. Dort hatte Johan früher für einige Jahre bunte Fische für europäische und amerikanische Aquarien aus dem Tanganyka -  See gefischt und schon damals die Idee gehabt, eines Tages auf dem Landweg dorthin zurückzukehren. Jan begrüßt uns mit den Worten: „Only driving, repairing the car and driving. It’s no fun (Nur fahren, das Auto reparieren und fahren. Es macht keinen Spaß)”. Tatsächlich haben die vier bereits in Istanbul (sie sind wie alle anderen Afrikafahrer, die wir bisher getroffen haben, durch die Türkei, Syrien und Jordanien nach Ägypten gekommen) eine Austauschmaschine gebraucht und liegen, wie ihre holländischen Leidensgenossen bereits am nächsten Tag wieder unter ihrem Auto. Den Witz, den sich Toyota-Fahrer gerne erzählen, finden Sie gar nicht lustig: „Worin besteht der Unterschied zwischen einem Schwarzen und einem Landrover-Fahrer? Der Schwarze hat weiße Handflächen…“ Sie brauchen dringend eine Pause, bleiben ein paar Tage und am Abend haben wir viel Spaß am Lagerfeuer, das in einem halbierten Ölfass mit reichlich Diesel am Leben gehalten wird.
 
Jana hat eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was sie sehen und erleben will während ihres Weihnachtsurlaubs: Sie will erfahren, wie das Leben hier funktioniert, wie die Wüste sehen und das Meer und, na gut, der ein oder andere Tempel darf auch schon mit dabei sein. So schlendern wir bald durch die etwas dunkleren Gassen von Luxor, essen an Straßenständen, kaufen Lebensmittel auf dem Markt, besichtigen in Theben West einige der weltbekannten Kulturdenkmäler und machen uns dann wieder auf den Weg nach Süden, wieder auf der kleinen Straße, an der das Leben spielt.
Am Nordende dieser Straße befindet sich ein Polizeiposten und weil wir unsere Reisepläne nicht abhängig machen wollen von den Launen des Dienst habenden Polizisten haben wir schon auf der Hinfahrt die Umgebung genau inspiziert: nach der Überfahrt über die Nilbrücke südlich von Luxor folgt westlich des Nils ein breiter Streifen Fruchtland, bevor die Hauptstraße, nachdem sie einen Kanal überquert hat, an einer T - Kreuzung endet. Wenige Meter südlich dieser Kreuzung liegt der Checkpoint, den es zu umfahren gilt. Nachdem wir den obligatorischen Posten an der Nilbrücke passiert haben, fahren wir noch einige hundert Meter geradeaus, wenden dann auf der breiten Straße, bieten rasch in einen Feldweg nach Süden ab und verschwinden vor den Blicken der Polizei in einem hohen Maisfeld. Wir schütteln ein paar Buben ab, die übermütig während der langsamen Fahrt auf den Wagen klettern. Wie erwartet führt der Weg nach einigen scharfen Kurven in ein kleines Dorf. Dort erfragen wir den Weg zur nächsten Brücke über den Kanal und erreichen wenig später die Straße, auf der wir unbehelligt weiter nach Süden fahren können. Wir nehmen uns den ganzen Tag Zeit für die knapp 100 km und erreichen am Abend Edfu. Dort steht der am besten erhaltene Tempel von Ägypten und deshalb legen dort tagsüber zahlreiche Kreuzfahrtschiffe an. Nachts ist die Stadt touristenfrei und die Kutschenfahrer und Bettler sind arbeitslos. Der Spaziergang durch die dunkle Stadt wird zu einer Hetzjagd bis dahin nicht bekannten Ausmaßes und nachdem wir anfänglich noch mit den Bittstellern und selbst ernannten Führen scherzen fliehen wir schließlich, zum ersten Mal wirklich genervt, in unserem Hotel.
Die Besichtigung des wirklich großartigen Tempels am nächsten Tag lohnt sich unbedingt, trotzdem hält uns hier nichts und so wollen wir weiter an die Küste des Roten Meeres.
Es wird allgemein für unmöglich gehalten, als Ausländer die Straße von Edfu nach Marsa Alam befahren zu dürfen, wir lesen, die Zufahrt sei „militärisch abgeriegelt“ und finden niemanden, der vorher schon einmal versucht hätte, so den Weg zum Roten Meer abzukürzen. Wir versuchen es in altbewährter Manier, sind freundlich, lachen, scherzen. Einer der Beamten hat ein Auge auf Jana geworfen: „I Police Egypt“, meint er und ob er da nicht eine gute Partie sei für Jana, entschuldigt sich später „I english schweia schweia“ (etwa: „Ich spreche nur sehr wenig englisch…“) und verkündet dann mit stolz geschwelter Brust: „I arabi very good“ („…aber sehr gut arabisch). Wir erklären Ihnen, dass Jana zunächst ihre Schule beenden müsse, wir sie aber anschließend selbstverständlich umgehend an ihn auslieferten. Formulare werden ausgefüllt, Telefongespräche geführt, „wait five minute“, wir werden gewarnt vor gefährlichen Banditen, vor denen uns in den Bergen niemand beschützen könne, und schließlich das ersehnte schnelle „Go now! Bye bye“. Wir sind frei.
 
Die Strecke durch die Arabische Wüste mit ihren bizarren Gipfeln, ihren sandigen Wadis, ihren dekorativen Tamarisken, ihren Farbenspiel in Gelb und Grau ist ein Erlebnis. Wir treffen einen einsamen Kamelhirten, schenken ihm eine Flasche Wasser. Sogleich nimmt er einen großen Schluck. Wir sehen seine wachen Augen, seine von der Sonne gegerbte Gesichtshaut, spüren den sanften Druck seiner schwieligen Hände und können wieder nur staunen: außer einem Stock, einem Beil und einem Stück Seil hat er nichts bei sich, weit und breit ist keine menschliche Siedlung zu sehen und die Nächte sind kalt in den Bergen der Arabischen Wüste…
 
Beim Marsa Alam erreichen wir das Rote Meer. Der Ort liegt etwa 300 km südlich des bekannten Touristenorts Hurghada und ist bislang kaum touristisch erschlossen. Die Küste in diesem Bereich ist wenig attraktiv, das Land endet und das Meer beginnt, die Attraktionen, die doch immer mehr Touristen in diese Einöde führen, liegen unter Wasser: Hier sollen die besten Tauchplätze Ägyptens zu finden sein und die drei jungen Leute, mit denen wir später im „Beachsafari Camp“ unser karges Abendessen einnehmen, haben nur das eine Thema. Es ist sehr windig und kalt und so mieten wir uns eines der schmucken Bungalows in der Anlage und stimmen uns bei Musik, Kerzenlicht und Wein auf Weihnachten ein. Zum Heiligen Abend träumt uns dann aber doch von einem etwas festlicheren Essen und so fahren wir am nächsten Tag nach einem ausführlichen Strandspaziergang nach Norden in die kleine Hafenstadt Safaga, wo ein paar Hotels an einer recht malerischen Bucht liegen. Während der Fahrt hören wir Weihnachtmusik und sitzen nach einem schönen Abendessen noch lange bei Kerzenlicht und freuen uns über die Briefe und Geschenke, die Jana aus der Heimat mitgebracht hat.
Tagsüber liegen wir am Strand in der Sonne und tun, was die meisten anderen Touristen hier auch tun: wir lesen. Nur: der Inhalt der Bücher mag verschieden sein. Wir lesen von brandschatzenden Milizen, von Mord und Todschlag, von Vergewaltigungen und Sklaverei. Wir lesen keinen historischen Romanen, der im dunklen Mittelalter spielt. Wir lesen einen Bericht, der nach einem Interview mit einer Betroffenen vor zwei Jahren aufgezeichnet worden war. Wir lesen vom Sudan. Unserem nächsten Reisenziel. Was wir lesen macht uns tief betroffen und scheint in krassem Gegensatz zu stehen zu dem, was wir bisher von diesen Land in Reiseberichten gelesen oder von den freundlichen Menschen in der sudanesischen Botschaft in Kairo gehört hatten. Wir sprechen lange darüber, informieren uns im Internet und aus anderen Büchern: In Teilen des Sudan herrscht Bürgerkrieg, der schon in den 1950er Jahren unmittelbar nach der Entlassung aus der Kolonialisierung in die Unabhängigkeit seinen Anfang genommen hatte und dessen Ursachen hauptsächlich in alten ethnischen und religiösen Konflikten liegen. Wie immer in solchen Situationen gibt es Schuldzuweisungen an alle Seiten und es steht uns nicht zu, zu richten. Unbestritten scheint aber, dass es auch heute noch in den von Arabern bewohnten Gebieten Sklaven gibt, die im Bürgerkriegsgebiet geraubt wurden, auch wenn von offizieller Seite das Wort „Sklaverei“ vermieden und statt dessen lieber von „Entführungen“ oder „Kidnapping“ gesprochen wird. Die guten Nachrichten: 1999 etablierte die Regierung, unterstützt von UNICEF und SAVE THE CHILDREN das „Committee for  the Eradication of Abduction of Women and Children“ (Komitee für die Ausrottung der Entführung von Frauen und Kindern CEAWC), eine Organisation, deren Arbeit allerdings nicht unumstritten ist, und die häufig als ineffektiv oder parteiisch kritisiert wird. Im Süden des Sudan scheint sich die Situation zu beruhigen, es herrscht ein Waffenstillstand und der Region soll mehr Autonomie und Unabhängigkeit von der Zentralregierung in khartum gewährt werden. Im Darfur, im Westen des Landes, ist man offenbar noch weit entfernt von solchen Lösungen. Immerhin, so meldet die dpa am Ersten Weihnachtsfeiertag, ist die Regierung in khartum zum ersten Mal bereit, UN - Beobachter in das Krisengebiet einreisen zu lassen. Der Teil des Sudan, dem wir bereisen wollen, scheint ruhig und ungefährlich zu sein.
 
Nach einigen Tagen am Strand zieht es uns wieder in die Einsamkeit der Berge. Wir wollen die Ruinen einer römischen Siedlung besuchen, bei der um die Zeitenwende das begehrte rosafarbene Quarzdiorit für die Prachtbauten der fernen Hauptstadt gebrochen wurde. Die Zufahrt zu der Anlage liegt etwa 40 km westlich von Safaga an der Straße nach Qena, mithin im Konvoigebiet. Wir wollen an dem Polizeiposten vorbei und haben einige Koordinaten, die uns den Weg durch sandige Wadis und einsame Wüstentäler in die Berge weisen. Fast 50 km sind wir Off Road unterwegs bis eine Mauer uns an der Weiterfahrt hindert, gerade mal 11 km Luftlinie von unserem Ziel entfernt. Wir steigen aus und begutachten die Lage: unter Aufbietung einiger Adrenalinreserven und unter vollem Einsatz der uns zur Verfügung stehenden Fahrzeugtechnik sollte es möglich sein, die Mauer über einige schroffe Felsen und loses Geröll in einem weiten Bogen zu umfahren. Ein Blick auf die Karte zeigt keine Alternative. Bevor wir das Auto klarmachen denken wir noch einmal nach: die Mauer ist aus Stahlbeton, eine massive Konstruktion. Diese Mauer wurde nicht gebaut, um abenteuerlustigen Touristen ihren Spaß zu verderben. Eher um eine Armee aufzuhalten. Wir wissen um die Sicherheitsphilosophie des ägyptischen Behörden und denken an die schwer bewaffneten Kontrollposten, die es hier überall gibt. Was, wenn wir beim Umfahren der Mauer für Terroristen gehalten werden? Wir kehren um.
Ganz in der Nähe finden wir einige Bauruinen (was wurden hier wieder für ambitionierte Pläne geschmiedet und dann kurz vor der Vollendung wieder aufgegeben?). Es ist 3:15 Uhr am Nachmittag und hier, in einer Höhe von 800 m über dem Meer schon empfindlich kühl. Wir brauchen Windschutz und ein Lagerfeuer wird bei diesen Temperaturen vom romantischen Beiwerk zu einer absoluten Notwendigkeit. Also sammeln wir, was wir in dieser Einöde so auftreiben können und machen und es uns nach einem warmen Abendessen aus der Campingküche am Lagerfeuer im halb fertigen Sanitärtrakt gemütlich - über uns wieder Milliarden funkelnder Sterne…
Am nächsten Tag versuchen wir, zurück auf der Straße am Checkpoint am Beginn der Konvoistrecke unsere altbewährte Methode. Man will uns einen Soldaten ins Auto setzen. Wir scherzen und argumentieren, spaßen und werden ernst, bieten dem Soldaten einen Sitzplatz auf dem Dach - zwecklos. Der Chef der Truppe, in Jeanshose und Lederjacke, trägt eine coole Sonnenbrille und weiß, wie man hier Karriere macht. Er bleibt freundlich aber unnachgiebig und nach fast einer Stunde Wartezeit fahren wir schließlich einem blauen Pick-up mit sieben Mann Besatzung hinterher, hinten im Auto mit eingezogenem Kopf einen weiteren Mann mit einer Maschinenpistole, der uns zur Eile treibt: „5 o´clock I hungry („Um fünf Uhr bin ich hungrig“). Die Ruinen, vor allem aber die antiken Steinbrüche und die Umgebung mit den in den verschiedensten Rottönen leuchtenden, bizarr geformten Bergkämmen, beeindrucken und sehr, die Stimmung bleibt jedoch in Begleitung der acht freundlichen Herren leider wenig inspirierend.
 
Jana hatte schon vor diesem Ausflug einige Einheimische kennen gelernt, mit einem hatte sie sogar die Familie des Bruders besucht, an einem Festmahl teilgenommen und vieles über die Sitten und Gebräuche im Land gelernt. So ist klar, dass wir jetzt nach Safaga zurückkehren und nach einen weiteren „lazy day on the beach“ , ein paar Einkäufen in der Stadt und einem Ausflug zu einer mysteriösen Wasserstelle, die inmitten der Wüste, wo es niemals regnet, angeblich nur zum Jahreswechsel Wasser führt, zusammen mit den neuen Freunden Silvester feiern. Und so beginnen wir bei Bauchtanz und Wasserpfeife das neue Jahr…