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Nicht von dieser Welt - Von Äthiopien nach Kenia über die „Grüne Grenze“ und entlang des Turkanasees

Die Grenze zwischen Äthiopien und Kenia zieht sich über hunderte von Kilometern vom Sudan in Westen bis nach Somalia im Osten. Über weite Strecken führt sie - mit dem Lineal gezogen - durch endlose Wüstengebiete.
Es gibt nur einen offiziellen Grenzübergang zwischen den beiden Ländern. Der Grenzort heißt Moyale und ist von Addis Abeba auf einer gut ausgebauten Teerstraße problemlos und zügig zu erreichen. Die Probleme beginnen auf der anderen Seite: Die Piste von Moyale nach Isiolo gilt als mörderisch - wir kennen einen Motorradfahrer, der sich dort bei einem Sturz das Schlüsselbein gebrochen hat und viele Autofahrer berichten über schwere Schäden am Fahrzeug. Zudem ist die Gegend berüchtigt für Überfälle marodierender Banden, bei denen es schon häufig Tote gegeben hat.
 
Eine - zudem dem Vernehmen nach auch landschaftlich sehr viel reizvollere - Alternative ist die Ausreise über eine Piste im äußersten Südwesten Äthiopiens. Diese Region ist bekannt als das Lower Omo Valley und Heimat einer Vielzahl unterschiedlicher Völker, die allesamt noch sehr traditionell leben, und trotzdem - anders als die Reiseliteratur glauben machen will - relativ gut erschlossen. Auch nur einigermaßen zuverlässige Karten gibt es allerdings nicht (wir haben eine sehr exakte erstellt, weil wir fast alle Pisten in der Region befahren und den Pistenverlauf mit GPS aufgezeichnet haben!) - Entfernungsangaben scheinen auf groben Schätzungen zu beruhen, eingezeichnete Ortschaften existieren längst nicht mehr oder haben schon vor Jahrzehnten ihren Namen geändert und eine Brücke, die angeblich den Omo überspannt, ist offenbar der Fantasie eines gelangweilten Zeichners eines bekannten französischen Kartenverlags entsprungen. Auf kenianischer Seite verliert sich dann alles im Dunkeln: Unser Reiseführer für Kenia, immerhin über 1000 eng bedruckte Seiten stark, gibt offen zu, die Gegend nur vom Hörensagen zu kennen, empfiehlt allerdings, nur „mit mindestens zwei Fahrzeugen, ortskundigem Führer und sehr, sehr vielen Lebensmitteln, Wasser und vor allem Treibstoffvorräten“ In diese Gegend zu reisen (Hartmut Fiebig in „Kenia“, RKH – Verlag 2004).
 
Das klingt interessant. Wir fahren Awassa, etwa 270 km südlich von Addis Abeba und campen dort auf dem Gelände eines deutsch - äthiopischen Ehepaars. Die Adresse wird unter Afrikafahrern als Geheimtipp gehandelt und so hoffen wir, dort einen Reisegefährten zu finden oder zumindest nähere Informationen zu erhalten. Wir stehen ein paar Tage dort - schließlich muss auch der letzte Post aufbereitet werden - und lassen uns aufs Feinste bekochen, potentielle Mitfahrer lassen sich aber leider nicht blicken. Immerhin aber gibt es hier ein Gästebuch, in dem einige wenige Fahrer von ihren Erlebnissen berichten und so basteln wir aus den hier und im Internet verfügbaren Informationen eine Kartenskizze zusammen und erfahren auch, dass der jetzt seit etwa einem Monat immer wieder auftretende Regen zu einem echten Problem werden kann: Eine belgische Familie, die die Strecke im Dezember 2006 befahren hat, warnt eindringlich: neun Tage war die Gruppe im nördlichen Kenia nahe der Grenze zu Äthiopien festgesessen, weil die zahlreichen Flussdurchfahrten aufgrund des Regens nicht zu bewältigen waren.
  
Awassa – Yavello - Konso
Wir lassen uns nicht entmutigen - schließlich fahren wir einen Toyota Landcruiser und sind expeditionstauglich ausgerüstet - und brechen eines schönen Sonntag morgens Richtung Süden auf (wir wählen die Strecke über Yavello, weil wir die andere mögliche Route über Shashemene, Soddo und Arba Minch vorher schon befahren haben). Unterwegs regnete es in Strömen, auf der meist in ordentlichem Zustand befindlichen Asphaltstraße kommen wir trotzdem gut voran und erreichen am Abend Yavello. Von hier führt eine Piste nach Westen über Konso und Weyto ins Lower Omo Valley. Im Ort hören wir, eine der Brücken auf der Strecke sei durch eine Flutwelle zerstört worden und der Weg mithin nicht passierbar. Natürlich findet sich sofort ein Führer, der uns über eine Piste, die auf keiner Karte eingezeichnet ist, nach Konso dirigieren will. Die Ausweichroute bedeutet aber einen Umweg von mindestens 150 km und so entscheiden wir uns - auch in Anbetracht der Tatsache, dass sich in Yavello die letzte sichere Tankstelle für die nächsten etwa 1000 km befindet - unser Glück zu versuchen und fahren los - ohne Führer. Auf festem Untergrund geht es zügig voran, gut eine halbe Stunde. Dann das Ende: Ein riesiges Loch klafft in der Fahrbahn. Etwa 10 m Straße fehlen einfach. Am Grund des Lochs Reste von Röhren, die die Fluten kanalisieren sollten. Vergeblich. Die Urgewalten der Natur hatten der menschlichen Ingenieurskunst ihre Grenzen aufgezeigt.
 
Einige Leute schultern ihre Habseligkeiten und balancieren sie durch die neu entstandene Schlucht - für Fahrzeuge ist kein Durchkommen. Wir folgen einem offenbar ortskundigen Fahrer in die Büsche. Über Stock und Stein, durch sandige Flussbetten, über schlammige Felder und durch Hinterhöfe findet der eine Umfahrung - und wir lernen: in Afrika gibt es immer einen Weg! Die restlichen 70 km stellen an einen guten Geländewagen keine weiteren wesentlichen Anforderungen und so erreichen wir um die Mittagszeit Konso.
 
 
Konso 
Der Einkauf der Vorräte für die lange Reise hatte doch mehr an äthiopischen Birr verbraucht, als wir vorher kalkuliert hatten (und die letzte Bank auf dem Weg nach Kenia in Yavello tauscht leider keine Fremdwährungen) und so sind wir auf unser Verhandlungsgeschick angewiesen, um auf dem Schwarzmarkt einen akzeptablen Kurs für unsere Dollars zu erhalten. Und wir haben Glück: Die letzte Tankstelle auf der Strecke - mit einer Handpumpe betrieben, in Konso gibt es immer noch keinen Strom - hat Diesel vorrätig und so füllen wir die Tanks noch einmal bis zum Überlaufen und fahren weiter nach Weyto.
 
 
Konso - Weyto 
Die Piste führt aus dem fruchtbaren Hochland um Konso in eine sandige, heiße Buschsavanne. Sie ist streckenweise gut ausgebaut und die Flussbetten, die zu durchfahren sind, sind recht einfach zu passieren. Weyto liegt, wie die meisten größeren Orte in dieser Gegend, an einer Weggabelung. Es gibt kein Telefon und deshalb sind solche Orte wichtig: Hier hält der Truck, der in dieser Region als öffentliches Verkehrsmittel fungiert und auch der Fahrer des schrulligen Ethnologen, der die Sitten und Gebräuche der verschiedenen Völker in dieser Region studiert und der des durchgeknallten Engländers, der im Auftrag der UN eine Studie erstellt über die „ Zukunft der Viehhaltung im 21. Jahrhundert“ gönnen sich hier eine Pause. Und diese Leute sind die einzigen, die verlässliche Informationen geben können über den Zustand der Piste, der sich hier täglich, nein stündlich ändern kann. Wir müssen weiter nach Turmi und es gibt zwei Wege dorthin. Die nördliche Variante kennen wir bereits: Westlich von Key Afar, dem ersten größeren Ort an dieser Strecke, der noch relativ einfach über eine Allwetterpiste zu erreichen ist, besteht der Weg aus nicht viel mehr als einem gerodeten Stück Land, rote Erde, schwer gezeichnet von den Folgen der Erosion, zerfurcht von den Wegen, die sich die Wassermassen suchen, wenn der Himmel seine Schleusen öffnet. Bei Regen versinkt hier alles im Schlamm, die Uferböschungen an den Flüssen, die zu durchfahren sind, bilden steile Bruchkanten, die man mit der Schaufel bearbeiten muss, um sie befahrbar zu machen, und vereinzelt können sich regelrechte Seen bildeten, die es schwierig machen, den Pistenverlauf zu erkennen. Über die südliche Varianten haben wir kaum Informationen, nur eines wissen wir genau: Wenige Kilometer östlich von Turmi gibt es einen Fluss, der, wie die meisten Flüsse in Lower Omo Valley, die längste Zeit des Jahres trocken liegt. Dieser ist aber ganz besonders tückisch: in ihm vereinigen sich eine ganze Reihe von kleineren Flüssen, die allesamt das nördliche Hochland entwässern, und so kann das kleine Rinnsal, wenn es dort regnet, sich von einer Minute auf die andere in ein brüllendes, gefräßiges Ungeheuer verwandeln. Ein gutes Dutzend Fahrzeuge samt Fahrern sollen die Fluten im vergangenen Monat mit sich fortgerissen haben und es wird erzählt, kein Einheimischer helfe, ein im Flussbett stecken gebliebenes Fahrzeug zu bergen, aus Angst, selber den unberechenbaren Gewalten zum Opfer zu fallen. Genau zwei Wochen vorher waren wir (aus Turmi kommend) staunend am Ufer gestanden und hatten unsere Reisepläne den Flussgöttern opfern müssen.
 
Der schrulligen Ethnologe rät uns ab: Am frühen Morgen sei er in Turmi aufgebrochen, da sei der Fluss noch unpassierbar gewesen. Wir wollen aber unbedingt diesen Weg wählen - schließlich ist die Piste die einzige größere Verbindungsstraße in der Region, die wir noch nicht befahren haben - und finden tatsächlich jemanden, der uns bestärkt: „Erst vor einer Stunde sind da zwei Geländewagen durchgekommen“, versichert er uns. Umkehren zu müssen könnte unsere Planung aber ganz schön durcheinander bringen - würde eine Umkehr doch einen Umweg von etwa 230 km bedeuten - und hier gibt es, wie gesagt, nirgendwo eine Tankstelle und zudem ist gestern unser äthiopisches Visum abgelaufen.
 
 
Weyto – Arbore - Turmi 
Wir versuchen unser Glück und machen uns auf den Weg nach Westen. Auf meist sandigem Untergrund kommen wir zügig voran und nur die unscheinbaren, schmalen Querrinnen, die (wie wir ja schon ganz zu Beginn unserer Reise durch Afrika in Tunesien schmerzlich feststellen mussten), wirklich gefährlich sind, können uns bremsen. Bald ist Arbore erreicht, der Hauptort des gleichnamigen kleinen Völkchens, ein Dorf aus einigen wenigen Strohhütten. Wie überall im Lower Omo Valley trägt hier kaum jemand ein westliches Kleidungsstück und wir können wieder eine neue Variante der bei allen Völkern der Region üblichen aufwändigen Körperdekoration bewundern. Dass diese Route selten befahren wird merken wir am Verhalten der Menschen und Tiere am Wegesrand: Statt sich, wie wir es von häufiger besuchten Gegenden gewohnt sind, um unser Auto zu scharen, flüchten sie beim Herannahen des Fahrzeugs in die Büsche oder betrachten uns argwöhnisch aus gehörigem Abstand.
 
Hinter Arbore wird die Landschaft abwechslungsreicher. Die Piste führt zunächst ein ganzes Stück an einem Bergmassiv entlang, dann über einige 100 m durch ein trockenes Flussbett - auch hier sind wieder einmal die allerdings nur noch spärlichen Reste einer Brücke zu erkennen - und schließlich, zum Teil über loses Geröll, steil bergan. Wir kommen ins Land der Hamer, der größten Volksgruppe der Region, und bald hält uns ein bunt geschmückter Krieger an und schärft uns - auf Englisch! - noch einmal ein, beim Durchfahren des besagten Flusses vorsichtig zu sein. Wir erreichen den Fluss und steigen aus dem Wagen.
 
Heute ist Montag und Montag ist Markttag in Turmi. Es ist schon Abend geworden und so sind zahlreiche Frauen unterwegs nach Hause in ihre Dörfer. Das einzige Kleidungsstück, das sie tragen, ist ein Schurz aus Ziegenleder, mit Kaurimuscheln oder bunten Perlen verziert.
 
Die meisten haben ihre Haare mit einer Paste aus rot-braunem Lehm gefärbt und einige von ihnen betrachten ihre Frisur nun im Rückspiegel unseres Wagens während andere aufmerksam beobachten, wie wir durch den Fluss warten und den Untergrund einer genauen Prüfung unterziehen. Wir gehen mehrere mögliche Traversen ab, finden schließlich einen Weg, auf dem die Passage gefahrlos möglich scheint, und erreichen bald tatsächlich problemlos das gegenüberliegende Ufer.
 
 
Turmi 
In Turmi campen wir, wie schon vor zwei Wochen, im Hof des „Tourist Hotels“. Wir werden freudig begrüßt und bald schon steigt einer mit ein paar Kanistern auf den Bretterverschlag hinter der Lehmhütte und füllt ein altes Ölfass mit Wasser, damit wir eine Dusche nehmen können.
Turmi liegt wie Weyto an einer Weggabelung und es gibt - obwohl wir in der Gegend kaum je einem anderen Fahrzeug begegnen - am südwestlichen Ende der kleinen Siedlung einen Kreisverkehr und daneben einen Polizeiposten, der die Schranke an der Ausfahrt Richtung Omorate bewacht. Hier sehen wir einen flüchtigen Bekannten von unserem letzten Besuch in Turmi und halten im Kreisverkehr um ein paar Freundlichkeiten mit ihm auszutauschen. Halten im Kreisverkehr - das hätten wir eigentlich von früheren Kontakten mit den Ordnungshütern wissen müssen - ist ein schweres Vergehen in Äthiopien und so nähert sich gleich ein Polizist, um uns zu tadeln, entdeckt dann zu allem Unglück an unserer Windschutzscheibe auch noch eine Schweizer Autobahnvignette aus dem Jahre 2006 und beginnt, uns auf Amharisch zu belehren. In Äthiopien schreibt man das Jahr 1999 (und freut sich auf die Millenniums - Feier im September), aber irgendwoher weiß der wohl, dass man im überwiegenden Rest der Welt schon im Jahre 2007 angekommen ist und will uns nun erklären, dass wir, wollten wir weiterhin die Straßen des Landes befahren, einen aktuellen Aufkleber anzubringen hätten. Mithilfe unseres Englisch sprechenden Bekannten gelingt es uns schließlich, den Beamten zu überzeugen, dass sich der ganze Aufwand für die verbleibenden paar Pistenkilometer bis nach Kenia doch nun wirklich nicht mehr lohnt und er winkt freundlich, als er die Schranke an der Piste nach Omorate öffnet.
 
 
Turmi - Omorate 
Bis vor kurzem gab es in diesem entlegenen Winkel keine Möglichkeit, das Land mit dem Segen der Behörden zu verlassen und man musste versuchen, die Polizeiposten in Grenznähe zu umfahren. Heute gibt es ein Büro der Grenzpolizei und das befindet sich in einer Lehmhütte in Omorate. Omorate, früher Kelem, liegt am Omo - Fluss (übrigens am Ostufer des Flusses und nicht wie auf den meisten Karten in Westen und sinnigerweise etwa 50 Pistenkilometer von der Grenze nach Kenia entfernt) und seit Jahr und Tag träumt man hier davon, dass die Brücke, die auf der Michelin-Karte eingezeichnet ist (übrigens die einzige über den Omo), tatsächlich einmal gebaut wird. Bis dahin werden die Herbergen im Ort vermutlich weiterhin vergeblich auf Kundschaft warten und auch heute ist kein guter Tag, denn die Besatzung des Landcruisers, der gerade ins Dorf rollt, hat vorgesorgt und ist leider auch nicht bereit, die lahmende Wirtschaft durch den Ankauf von Treibstoff aus Colaflaschen zu Apothekenpreisen anzukurbeln. Immerhin kann man den Fremden dann doch ein paar Kenia - Schilling verkaufen und der Grenzpolizist darf seine Hütte mal wieder aufschließen und unter Beweis stellen, dass er nicht nur lateinische Buchstaben lesen kann, sondern auch den westlichen Kalender beherrscht: „Ihr Visum ist seit zwei Tagen abgelaufen“, erklärt er uns nach eingehender Kontrolle der Papiere, akzeptiert aber sofort unsere Entschuldigung, dass der Zustand der Piste und das Fehlen der Brücke bei Yavello kein schnelleres Vorwärtskommen ermöglicht hätten und stempelt die Pässe ab.
 
 
Omorate - Grenze 
Offiziell sind wir also hiermit ausgereist. Jetzt müssen wir nur noch den Grenzübergang finden. Wir fahren etwa 20 km zurück in Richtung Turmi. Dort zweigt ein schmaler Weg nach Süden ab. Hier beginnt das Outback, der wilde Süden. Ist eine Piste im Lower Omo Valley doch immerhin meist etwas Angelegtes, ein schmales Stück Land, wo irgendjemand irgendwann wenigstens mal einen Baum gefällt, einen besonders großen Stein weggeräumt oder gar mal einen Lastwagen voll Schottersteine abgeladen hat, ist der Weg hier nicht viel mehr als eine Spur, die das gelegentliche Fahrzeug in der Einöde hinterlassen hat. Und die ist nicht immer klar zu erkennen: Bis vor drei Tagen hat es hier geregnet und da verwischen die Spuren, und vor allem in den breiteren der zahlreichen Flussbetten, die zu durchfahren sind - wir zählen 28 (!) bis zur Grenze - ist die Ausfahrt nicht immer leicht zu finden.
 
Das Gelände bietet allerdings keine unüberwindbaren Hindernisse und so wird die Zahl auf dem Monitor, die uns die Distanz zum Grenzstein anzeigt, langsam aber stetig kleiner. Bald sehen wir einen hölzernen Mast, an dessen Spitze die äthiopische Flagge im heißen Wind flattert und halten darauf zu
 
Beinahe übersehen wir den Uniformierten, der vielleicht 200 m abseits der Spur vor einer Lehmhütte steht und mit den Armen fuchtelt. Wir könnten ihn fuchteln lassen - er ist, im Gegensatz zu vielen anderen einheimischen Männern übrigens, nicht bewaffnet und hat kein Fahrzeug, an der Grenze gibt es keinen Schlagbaum und auf der kenianischen Seite überhaupt keinen Grenzposten - die Szenerie wirkt aber doch ausreichend interessant, um eine kleine Pause zu rechtfertigen: Hinter der Lehmhütte steht eine Hand voll kuppelförmiger Palmblätterhütten, das Dach notdürftig mit Wellblech und Stofffetzen verstärkt.
Dem Grenzbeamten tropft der Schweiß von der Stirn. Er rückt seine Mütze gerade und nimmt Haltung an, während, weniger um die Form bemüht, die Krieger des kleinen Volks der Dhasanech, mit einem roten Stück Stoff um die Hüften und der in dieser Gegend Afrikas weit verbreiteten hölzernen Kopfstütze in der Hand, aus allen Richtungen herbei laufen, um die Fremden zu bestaunen. Einer von ihnen hat offenbar eine Schule besucht; jedenfalls unterstützt er den Beamten tatkräftig und als die beiden, nachdem sie unsere Pässe mehrfach Seite für Seite von hinten nach vorne durchgeblättert haben, den Ausreisestempel aus Omorate entdecken, entspannen sich ihre Gesichtszüge und sie winken freundlich zum Abschied.
 
 
Grenze - Illeret 
Auf kenianische Seite ändert sich wenig: Die Grenze - von den Kolonialmächten einst mit dem Lineal gezogen - zieht schnurgerade durch die Savanne, und niemand, der hier lebt, solange sein Urgroßvater zurückdenken kann, kümmert sich darum, ob er nun Äthiopier oder Kenianer ist. Die erste größere Siedlung in Kenia heißt Illeret und dort befindet sich ein Polizeiposten, bei dem man sich - so erzählt jeder, der diese Strecke schon einmal befahren hat - sofort melden muss. Die Beamten hier sind deutlich besser genährt als ihre äthiopischen Kollegen und begrüßen uns mit einem kräftigen Händedruck: „Jambo! Willkommen in Kenia!“ Sie verfügen über Solarstrom und betreiben damit ein Funkgerät, ein Fahrzeug scheinen aber auch sie nicht zu besitzen und so erschließt sich dem Reisenden nicht unmittelbar, aus welchem Grunde sie eigentlich hier am Ende der Welt ausharren müssen. Unsere Pässe jedenfalls wollen sie nicht sehen, können uns aber mit ein paar Informationen über den weiteren Pistenverlauf helfen: Etwa 50 km seien es noch nach Kobi Fora, einem Camp im Sibiloi Nationalpark, maximal vier Stunden. Wir hatten von einer Piste gehört, die um den Nationalpark herum führt, die Durchfahrt durch den Park soll 50 US-Dollar kosten. „Die ist so schlecht“, belehren uns die freundlichen Beamten, „da fährt noch nicht einmal die Polizei“, und die nächste Unterkunft am Weg liege mehr als 100 km entfernt. Es ist schon 2 Uhr nachmittags und in der Region soll es immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen hier ansässigen Volksstämmen kommen - wir wollen nicht zwischen die Fronten geraten und ziehen es deshalb vor, vor Einbruch der Dunkelheit ein Camp zu erreichen.
 
 
Illeret – Kobi Fora 
Die sandige Piste verlässt Illeret in östlicher Richtung, wendet sich dann in einem weiten Bogen nach Süden und bald erreichen wir ein Schild, das offenbar den Eingang zum Nationalpark markiert. Die Hauptpiste zweigt hier in einem Winkel von 90° nach Osten ab, wir entscheiden uns aber aus den genannten Gründen für den Weg durch den Park und fahren geradeaus weiter. Hier dürfen Auto und Fahrer dann zeigen, was sie können: Sandige Flussdurchfahrten, Böschungen, so steil, dass der Pilot nur noch den Himmel sieht, und immer wieder Schlammlöcher, die es erforderlich machen, eine Umfahrung durch den Busch zu finden, oder den Wagen über einen Grad zu balancieren, den ein schweres Fahrzeug zwischen zwei tiefen Spuren hinterlassen hat. Hier reicht der Bruchteil einer Sekunde, in dem wir dem Weg nicht unsere volle Aufmerksamkeit schenken, schon ist es passiert: Das Auto rutscht nach rechts von der Piste und sofort versinken die Räder auf der Beifahrerseite bis zur Achse im tiefen Morast.
 
Wir verlassen den Wagen durch die Fahrertüre und begutachten die Situation: Die linksseitigen Räder stehen auf relativ festem Untergrund, der Schlamm auf der rechten Seite scheint bodenlos. Eine klassische Situation für den Einsatz der Differenzialsperren! Wir lassen die Sandbleche hängen und die Schaufeln stecken und versuchen unser Glück im untersetzten Rückwärtsgang. Tatsächlich wühlt sich das schwere Gerät schlingernd aus dem Dreck und steht bald wieder waagerecht zur Weiterfahrt bereit. Diesmal durchs Unterholz und über Büsche, die den Untergrund stabilisieren - der Lack war vorher schon verkratzt.
 
Die Landschaft überrascht uns: Wir befinden uns in einer der heißesten und trockensten Gegenden des Landes und hatten weite, gelbe Ebenen und trockenes Buschwerk erwartet. Stattdessen präsentiert sich die Umgebung in saftigem Grün und ganze Meere weißer und gelber Blüten überziehen die sanften Hügel.
 
Knapp zweieinhalb Stunden hinter Illeret gibt eine weite Ebene den Blick frei und wir können in einigen Kilometern Entfernung das Camp erkennen. Noch bevor wir es erreichen schreckt das Dröhnen des Motors eine große Herde von Topis auf. Mehrere hundert dieser majestätischen Antilopen, in anderen Gegenden Afrikas selten geworden, preschen in alle Richtungen davon - ein überwältigender Anblick,
 
 
Kobi Fora 
Kobi Fora verfügt über ein Flugfeld, einige zum Teil ausrangierte Landrover und eine ganze Reihe ganz nett hergerichteter Steinhäuser, die hier, in einer der entlegensten Gegenden des Landes, auf Touristen warten. Heute ist der 24. April und einer der Ranger, die hier in der Einsamkeit ihren Dienst versehen, begrüßt uns herzlich: „Diesen Monat seid Ihr die ersten Besucher“, freut er sich, aber er kann sich gut an die belgische Familie erinnern, die hier im Dezember 2006 für neun Tage festsaß und an der Pinnwand eine Visitenkarte hinterlassen hat. Er selbst sei vor fünf Tagen „fürchterlich festgesessen“ da draußen im Matsch, zwei Tage und Nächte habe er gebraucht, um sich zu befreien, aber seit drei Tagen habe es nicht mehr geregnet und so sei wahrscheinlich auch die Piste zum südlichen Ausgang des Parks irgendwie zu bewältigen. „Fühlt euch wie zu Hause. Zur Not können wir auch mit ein bisschen Wasser aushelfen, sonst gibt es hier nichts“, fügt er hinzu und zeigt uns einen Platz, wo wir campen können.
 
Ein herrlicher, friedlicher Platz mit Blick auf den Turkana - See. Zum Abendessen gibt es Fleischküchle mit Rotkraut und Kartoffelbrei aus der Campingküche und trotz der Hitze der Nacht schlafen wir bald tief bis uns die Morgensonne weckt.
 
Der Turkana - See, der größte permanente Wüstensee der Welt, wird hauptsächlich vom Omo gespeist, hat aber keinen Abfluss, ist daher reich an Salzen und mithin frei von Bilharziose. Seine jadegrünen Fluten laden zum morgendlichen Bad, doch als wir die riesigen Krokodile sehen, die gerade am Ufer ihre Eier vergraben haben, verzichten wir doch lieber auf die Abkühlung, obwohl uns die Ranger versichern, die Monster hätten noch nie einen Menschen angegriffen.
 
 
Durch den Sibiloi Nationalpark 
Wir wollen nicht riskieren, vom nächsten Regen für Tage hier festgehalten zu werden - angeblich muss man spätestens 72 Stunden nach Grenzübertritt bei den Behörden in Nairobi vorsprechen und bis dahin sind es noch über 1000 km. Wir machen ein Foto von einer Landkarte, die die Ranger zum Verkauf anbieten, können die dann parallel zu unseren elektronischen russischen Karten (die in dieser Gegend keine große Hilfe sind: Im Park zeigen sie keine, südlich des Parks zahlreiche große befestigte Straßen Wir haben dort keine einzige gesehen) auf unserem Monitor darstellen und finden so unseren Weg zum Karsa Gate am Südende des Parks.
 
Die Piste ist meist klar zu erkennen, wartet aber immer wieder mit schlammigen Passagen und steilen Auffahrten mit losem Lavagestein auf. In größeren Senken haben sich mancherorts kleine Seen gebildet, die wir weiträumig umfahren, Spuren sind hier keine zu finden, seit dem großen Regen war hier niemand mehr unterwegs. Kurz vor Erreichen des Ziels verlieren wir in einem breiten Flussbett die Orientierung: Unvorstellbare Gewalten haben hier bei der letzten Flut gigantische Mengen an Bruchholz abgeladen, ganze Bäume liegen entwurzelt in der sandigen Furt und eine Ausfahrt aus dem Chaos ist nirgendwo zu erkennen.
 
Wir steigen aufs Autodach, suchen mit dem Fernglas die Umgebung ab, sehen an einem Hügel auf der gegenüberliegenden Seite schließlich etwas, was wie eine Fahrspur aussieht und halten darauf zu. Tatsächlich finden wir einen Weg durch den Sand und die Uferböschung auf der anderen Seite erweist sich für unseren Landcruiser ohne vorherige Bearbeitung mit der Schaufel als befahrbar.
 
 
Sibiloi Nationalpark - North Horr 
Kurz vor Verlassen des Parks zweigt nach rechts eine Piste nach Alia Bay, dem Sitz des Park Head Quarters, ab, eine andere Ausfahrt als die beim Karsa Gate scheint auf der Südseite des Parks aber nicht zu existieren, und die Koordinaten die laut „Durch Afrika“ den Standort eines Wegweiser nach Illeret markieren, scheinen abseits aller Pisten im Nichts zu liegen (auch ein Dorf namens Kalacha, das dort ganz in der Nähe liegen soll, können wir nirgendwo entdecken). Die Piste jedenfalls, auf der wir den Park verlassen, führt von diesen Punkt weg nach Südosten und über Stunden wissen wir nicht, wohin wir eigentlich fahren. Die Spur ist aber klar erkennbar und lange Zeit gibt es keine einzige Abzweigung, so dass wir schließlich keinen Zweifel mehr daran haben, nach North Horr unterwegs zu sein. Matsch ist in diesem Abschnitt kein Problem mehr, der Untergrund ist fast überall fest, über lange Strecken verhindern allerdings große Steine ein rasches Vorwärtskommen.
 
Wieder schrecken wir eine große Herde von Topis auf, sehen einige Zebras und beobachten lange Zeit einen Schakal, der mit einem Rabenvogel streitet und uns kaum wahrzunehmen scheint.
Die Landschaft ist nicht von dieser Welt: Saftig grüne Büsche an Dünen vom Lavamehl, weite Ebenen mit Melonen aus Stein, bizarre Formationen aus braunem Fels - ein Schauplatz einer überirdischen Fantasie. Wir fühlen uns frei und glücklich.
 
Wir erreichen eine Stelle, an der offenbar einmal ein Wegweiser gestanden hat. Das muss der Abzweig nach Loyangalani sein. Es ist aber schon spät am Tag und so fahren wir geradeaus weiter Richtung North Horr. Die Piste steigt herab in eine Ebene und auf sandigem Untergrund geht es jetzt sehr viel zügiger weiter in östliche Richtung.
 
Die Landschaft ändert ihren Charakter. Viele kleinere und größere Dünen aus fast weißem Sand geben ihr hier Kontur, und entlang der Flussläufe und um die gelegentliche Quelle stehen malerisch Gruppen von Borassuspalmen.
 
Die Völker, die in dieser Gegend leben, halten neuerdings Kamele, da diese sehr viel besser an die dort herrschenden Bedingungen angepasst sind als Rinder, und wir sehen große Herden dieser Tiere, die hier besonders gepflegt und gut genährt wirken.
 
 
North Horr 
Am Abend erreichen wir North Horr. Schon von weitem sieht man den Turm der katholischen Kirche, dem, noch vor der benachbarten Moschee, mit Abstand größten Gebäude in dieser entlegenen Siedlung aus Lehm- und Strohhütten. Pater Anton aus Schrobenhausen bei Augsburg versieht hier seit 10 Jahren seinen Dienst am Menschen und begrüßt uns herzlich. Neben der Missionsarbeit - zweimal täglich füllt er das Gotteshaus - hat er auch sehr handfeste Aufgaben, fährt mit einem klapprigen Landrover-Pick-up Baumaterial durch die Gegend und packt bei der Restaurierung der nahen Krankenstation mit an. Die Arbeiten dort stehen unter der Leitung von Gerhard aus dem Schwoabeländle, einem Faktotum mit jahrelanger Afrikaerfahrung. Er beantwortet geduldig unsere vielen Fragen und nimmt uns am Abend mit auf eine traditionelle Zeremonie der Gabrah, bei der singend, tanzend und auf einem aufgespannten Kuhfell mit den Füßen trommelnd nächtelang die Geburt eines Sohnes gefeiert wird.
 
Die Missionsarbeit ist nicht ohne Probleme, ist es doch bei den Gabrah zum Beispiel Tradition, mehrere Frauen zu heiraten, für die katholische Kirche natürlich undenkbar. In vielen Familien gibt es sowohl Christen als auch Moslems, ein Umstand, der bei Hochzeiten zu einem Problem werden kann, ist es doch zum Beispiel einer muslimischen Frau nicht erlaubt, einen Angehörigen einer anderen Religionsgemeinschaft zu heiraten. In diesem Zusammenhang soll es schon - angeblich finanziert von den Glaubensbrüdern aus Saudi Arabien - großzügige Angebote an konversionswillige Männer gegeben haben.
 
Wir dürfen bei der Mission campen, Dusche und Toilette benutzen, werden am Morgen zum Frühstück eingeladen und bedanken uns mit einer kleinen Spende und einem Eintrag ins Gästebuch. Der letzte Eintrag von einem Afrikafahrer ist fast genau drei Monate alt - und stammt von Lieven und Brit, einem Paar aus Belgien, mit denen wir zu Beginn des Jahres einige Tage durch den Sudan gefahren waren.
 
 
North Horr - Loyangalani 
Von North Horr führt eine Piste nach Osten nach Marsabit, einer Stadt, die sich auf halbem Weg zwischen Moyale und Isiolo befindet, an der berüchtigten Verbindungsstraße zwischen der Grenze und Nairobi. Wir fahren nach Südwesten Richtung Gas Pri und weiter nach Loyangalani. Weiterhin treffen wir auf kein einziges Fahrzeug und natürlich gibt es in dieser Gegend auch keinen öffentlichen Verkehr, so dass wir einen alten Mann in unserem Wagen mitnehmen. Die erste Hälfte der Strecke bietet die üblichen Flussbetten und ist auf dem meist sandigen Untergrund wieder einfach zu befahren
 
Hinter Gas Pri ändert sich das Bild: ein steiniger Bergrücken ist zu queren, bevor sich die Piste mit derjenigen vereint, die vom Park kommend unter Umfahrung von North Horr direkt nach Loyangalani führt. Ein langes Stück Weg mit riesigen Steinen auf der Fahrbahn ist zu bewältigen und wir kommen nur noch im Schritttempo voran. Einmal überschätzen wir doch die Bodenfreiheit unseres Landcruisers und sitzen prompt auf. Die Hinterachse hat sich auf einem Felsblock festgefressen - nichts geht mehr. Eine gute Gelegenheit, mal unseren „Exhaust – Jack“ auszuprobieren: Mit den Abgasen des Wagens füllen wir einen großen Ballon, der den Wagen auf der linken Seite anhebt und so die Achse wieder freigibt. Wir unterfüttern das Hinterrad mit Steinen, lassen die Luft auf dem aus dem Ballon - und sind wieder frei.
 
Wir fahren durch eine unwirklich beleuchtete Steinwüste. Hier kämpft die Tropensonne seit Jahrmillionen mit dem feuchten Element und die Spannung entlädt sich in einer gewaltigen Gewitterfront, die wie ein Atompilz über dem See steht.
 
Sand und Fels bilden bizarre Formationen und stehen mit ihrer Fantasie in ewigem Wettstreit mit dem gelegentlichen Grün, das die Marslandschaft nach dem großen Regen belebt. Das Drama läuft aus in einer mit seiner sanften Formgebung fast lieblich wirkenden Hügellandschaft aus grobem Lavasand, die sich zum See hin öffnet.
 
 
Loyangalani 
Loyangalani, der „Ort der vielen Bäume“, ist eine Oase am Ufer des Sees. Schon von weitem sehen wir die vielen Borassuspalmen, die sich im Osten der Siedlung aus der wüstenhaften Umgebung erheben. Die Vororte bestehen aus den bekannten kuppelförmigen Hütten, im Zentrum aber werben zwei Reihen windschiefer Lehmhäuser mit kalten Getränken und fast allem, was der weit gereiste Besucher sonst noch so brauchen könnte. Eilig darf man es hier allerdings nicht haben und so stellt der Besitzer des „Cold Drink Hotels“ gleich schriftlich klar: „ We give you best services no matter how long it takes“. Gleich nebenan steht eine Hütte ganz aus Wellblech, vielleicht drei Quadratmeter groß. „Looking nice is our target“ steht auf einem Schild neben dem Eingang. Das überzeugt mich natürlich sofort und so finde ich mich schon wenige Minuten später auf einem wackligen Stuhl vor einem fast blinden Spiegel sitzend wieder. Der freundliche junge Mann hinter dem Stuhl beugt sich über mich, startet ein surrendes Gerät und verpasst mir im Nu genau die Frisur, die bei den männlichen Bewohnern der Gegend ganz im Trend liegt: eine Glatze!
Am Ortsrand steht die „Oasis Lodge“, ein Luxushotel, das schon 1960 in diesem gottverlassenen Winkel gegründet wurde. Es gibt einen Airstrip im Ort, und der endet direkt vor der Einfahrt zum Hotel, so dass der betuchte Gast nach der Landung mit dem Privatflugzeug „selbst bei der größten Hitze gemütlich hinüber zur Bar mit ihrem eiskalten Bier schlendern kann“ (Zitat: Hartmut Fiebig, in „Kenia“, RKH Verlag 2004). In der Folge entstanden eine ganze Reihe anderer Unterkünfte und Campsites, die eher unserem Budget entsprechen und wir finden einen schattigen Platz unter Palmen in der „Lake Turkana El Mollo Lodge“, einem Campingplatz mit Freiluftduschen und Swimmingpool (!), aber ohne Bar oder Restaurant.
Wir sind die einzigen Gäste im Ort und es scheint, als habe das touristische Aufgebot wenig ändern können am Leben in diesem Landstrich: Vor den Geschäften sitzen bunt geschmückte El Mollo, Rendille und Turkana im Sand, stehen auf der Straße und schwatzen oder gehen spazieren, und „abends, wenn die berüchtigten Fallwinde vom Mt. Kulal kommen und Staub und alles, was nicht niet- und nagelfest ist, durch die Straßen fliegt, lässt sich nicht verdrängen, dass man immer noch in einem der unwirtlichsten Winkel des Landes sitzt“ (ebd.).

Loyangalani - South Horr 
Wir bleiben zwei Nächte und machen uns dann wieder auf den Weg nach Süden. Die Piste führt noch ein Stück am See entlang und kletterte dann wieder über große Steine den Berg hinauf. Die nächste größere Siedlung heißt South Horr und macht mit ihren vielen „Loch-in-der-Wand-Läden“, der unvermeidlichen katholischen Mission und dem kleinen Park in der Ortsmitte schon einen fast städtischen Eindruck.
In Afrika spielt der Glaube eine große Rolle im Leben der Menschen und in Kenia gibt es neben den großen christlichen Kirchen unzählige kleinere Glaubensgemeinschaften und Splittergruppen mit zum Teil wohl klingenden Namen wie etwa die „Kirche des Turban tragenden Wakorino“, die predigend durch die Lande ziehen. Die Piste die von Süden über Maralal und Baragoi nach South Horr führt, ist mit einem normalen Bus zu bewältigen, für die Ortsdurchfahrt ist allerdings ein Geländewagen erforderlich und so ist der Ort der nördlichste Punkt, der immer wieder von solchen Wanderpredigern heimgesucht wird und wir werden Zeuge einer solchen Veranstaltung: Im Stadtpark wird ein Notstromaggregat (natürlich gibt es auch in South Horr keinen Strom) und eine kleine Bühne aufgebaut und die ultimative Lehre vom Himmel und der Hölle rausgeschrien. Das Ganze klingt wie ein amerikanischer Crashkurs in Sachen Selbstwert und da wir kein Kisuaheli verstehen, bekommen wir, am Rande des Spektakels im Schatten eines großen Baumes sitzend, auch noch Privatunterricht in Sachen Fegefeuer auf Englisch.
Schon in Äthiopien hatte man es nicht geschafft, uns zu missionieren und so verlassen wir auch hier bald fluchtartig das Gelände, werden in unserem mehr als einen Kilometer entfernten Camp aber noch die ganze Nacht von den selbsternannten Botschaftern Gottes beschallt.
 
 
South Horr – Baragoi - Barsaloi 
Baragoi liegt an der Grenze zwischen dem Land der Turkana und dem der Samburu und man kann Angehörige beider Ethnien mit ihrem aufwändigen Schmuck und ihrer bemerkenswerten Haartracht im Schatten sitzen sehen.
Es gibt einen Dorfdepp, der, sehr zur Belustigung der Erwachsenen, kleine Kinder jagt, aber sonst ist nicht viel los im Ort und die Tankstelle am Ortseingang ist schon seit Jahren geschlossen. Wir nehmen zwei junge Samburu ein Stück des Weges mit und zum Dank vertreiben Sie uns die Zeit mit ihren schönen Gesängen.
 
Einige Kilometer südlich von Baragoi gabelt sich die Straße und von dort ist es nicht mehr weit nach Maralal, dem ersten Vorposten der Zivilisation, wo es eine Bank gibt und eine Tankstelle und von wo man auf Asphalt bis nach Nairobi rollen kann. Wir haben aber noch nicht genug und wählen hier die linke Spur. Die führt nach Barsaloi und es interessiert uns sehr, was „Die weiße Masai“ (die Leute hier sind übrigens Samburu und keine Masai!) dort an Spuren hinterlassen hat.
 
Der Weg wird offenbar wenig befahren und erfreut uns immer wieder mit sandigen Flussdurchfahrten und steilen Uferböschungen. Der Ort unterscheidet sich nur wenig von anderen in dieser Gegend aber es gibt eine sehr große Schule und mehrere andere gemauerte Häuser hier und der italienische Pastor residiert in einer riesigen Villa neben seiner Kirche. Aber keines der Kinder, die unser Auto umringen, als wir vor der Kirche halten, kennt Corinne Hoffmann.
 
 
Barsaloi - Wamba 
Von Barsaloi führt eine neu gebaute schnelle Piste nach Maralal, wir aber wollen nach Wamba und biegen deshalb am Ortsausgang nach Osten ab. Schon der Auftakt macht uns Lust auf mehr: Die Ausfahrt aus dem ersten Flussbett ist so steil, dass alle vier Räder durchdrehen auf dem felsigen Untergrund.
 
Später machen uns vor allem quer verlaufende Gräben zu schaffen. Große Mengen Regenwassers haben hier den roten Lehm zerfurcht und die Rillen sind zum Teil so breit und tief, dass wir sie mit Steinen und Zweigen auslegen müssen, um mit den Rädern nicht darin stecken zu bleiben. Auch matschige Passagen gibt es wieder und wir würden nicht empfehlen, diesen Weg nach Regenfällen zu befahren. Eine weitere sehr breite Flussdurchfahrt mit steiler, noch dazu zerfurchter Böschung fordert unsere ganze Erfahrung
 
 
Wamba 
Am Abend erreichen wir Wamba, errichten unser Camp im Hof des „Range View Hotels“ und ich erfrische mich erstmal mit einem warmen Bier.
Im Ort gibt es ein Handynetz, aber keinen Strom und so bietet unser Hotel, „The best in town“, „Mobile Charging“ an: Nachts, wenn der Generator läuft, kann man sein Mobiltelefon an der Theke in der kleinen Bar aufladen. Auch andere Errungenschaften der Zivilisation sind schon bis Wamba vorgedrungen: Im Hotel gibt es einen „Hot Shower Service“: Im Morgengrauen entfacht der Nachtwächter ein Feuer im Hof und macht damit ein Fass voll Wasser heiß. Mit einer Plastikschüssel kann man sich dort Wasser holen und sich in einem Wellblechverschlag daneben waschen.
 
 
Wamba - Archers Post - Isiolo – Nairobi 
Eine schnelle Piste führt über Archers Post nach Isiolo. Dort beginnt die Asphaltstraße, es gibt Tankstellen und Bankautomaten und noch am gleichen Tag überfahren wir den Äquator und erreichen am Abend Nairobi.
 
Weiterführende Informationen und die dazugehörigen Karten gibt es unter „Reisepraktische Informationen Turkanasee“  bzw. „Detailkarte Turkanasee