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You never walk alone

Haben wir ein ganzes Volk zu Bettlern erzogen?

Dieser Artikel wird im Diskussionsforum diskutiert...

Etwa 68 Millionen Äthiopier leben in einem Gebiet, das gut dreimal so groß ist wie Deutschland. Nur gut 31.000 km Straßen (das machst statistisch gesehen etwas mehr als zwei Äthiopier pro Meter Straße! Zum Vergleich: Deutschland: 231.000 km, so weit wir uns erinnern können, alle asphaltiert) erschließen das am höchsten gelegene Land Afrikas, die wenigsten asphaltiert, und nur die Hälfte das ganze Jahr über befahrbar.
 
50% der Bevölkerung lebt mehr als 35 km (einen Tagesmarsch) von einer dieser Straßen entfernt und trotzdem gewinnt der Besucher den Eindruck, die gesamte Bevölkerung befinde sich immer genau dort, wo er sich selbst gerade aufhält. Ganze Völkerschaften scheinen ständig auf der Wanderschaft zu sein und man hat häufig alle Mühe, den Wagen im Slalom durch die Massen zu lenken.
 
Fühlt sich der naive Eindringling für einen Moment unbeobachtet und kommt in einem scheinbar unbewohnten Landstrich gar auf die Idee, aus dem Wagen zu steigen, um ein Foto von der (oft dramatisch schönen) Landschaft zu machen, grinsen bestimmt, noch bevor er den Auslöser gedrückt hat, ein Dutzend Menschen in die schussbereite Linse.
 
Im äthiopischen Bergland gibt es selbst in den Städten kaum irgendwelche Fahrzeuge und so sind wir nicht nur wegen unserer Hautfarbe überall Exoten, aber solche, die man kennt, wir sind die, mit der fremden und doch vertrauten Schrift auf dem Kanister mit dem Speiseöl aus der Hilfslieferung für die letzte Hungersnot, wir sind die, die die Brunnen bohren, aus denen ewig klares Wasser fließt, wir sind die mit den prall gefüllten Taschen, wir sind die Enkel von Karlheinz Böhm. Und so scheint der Äthiopier das englische Wort für „geben“ schon mit der Muttermilch aufzusaugen. Die äthiopische Begrüßungsformel wird je nach Region und Bildungsstand nur geringfügig variiert und lautet meist schlicht „Give me!“.
 
Das Objekt der Begierde kann durchaus unterschiedlich sein und wir staunen immer wieder, was man alles in unserem Wagen vermutet: Unbegrenzte Vorräte an Geld und Kugelschreibern jedenfalls, aber auch Plastikflaschen, Schmuck, Kleidung, Schuhe und vieles andere mehr. Auf dem Lande werden die Forderung meist undifferenziert, mitunter auch aggressiv vorgetragen, Kinder zerren an unserer Kleidung, hängen sich ans Auto oder greifen durch die geöffneten Fenster, manchmal fliegen gar Steine. In der Stadt geht man subtiler vor und weiß, was das Touristenherz weich macht: Da braucht der junge Mann dann ein Geschichtsbuch, um sich zum Fremdenführer qualifizieren zu können, der Tourist darf es gar selbst besorgen, bevor der Empfänger sich die Beute mit dem Buchhändler teilt.
 
Das Phänomen der Bettelei ist so allgegenwärtig, dass wir bald verwundert den Menschen betrachten, der sich darauf beschränkt zu grüßen oder einfach nur zu lächeln, anstatt die Hand aufzuhalten. Vor allem Kinder und junge Erwachsene betteln um Geld und Güter, ältere präsentieren eher mal eitrige Wunden dem allwissenden Europäer zur umgehenden und definitiven Versorgung oder suchen nach einer Mitfahrgelegenheit. Geld geben wir grundsätzlich nur den ganz offensichtlich Benachteiligten wie z. B. Behinderten, versorgen, in Anbetracht der mangelhaften ärztlichen Versorgung aber gerne Wunden (kapitulieren allerdings, wenn eine Frau unter stärksten Schmerzen stöhnend mit einer tiefen eitrige Wunden im monströs geschwollenen Unterschenkel angeschleppt wird) und befördern auch hin und wieder den einen oder anderen alten Bauern mit seinem 30 kg schweren Getreidessack über 2000 Höhenmeter in sein entlegenes Bergdorf (verlieren aber dann doch für eine Weile die Lust dazu, nachdem er, wahrscheinlich noch nie in einem Auto gesessen, uns das selbe vollkotzt).
 
Was aber sie die Gründe für das Massenphänomen Bettelei in Äthiopien? Natürlich sind die Menschen arm (vergleiche auch Exkurs: Äthiopien - Deutschland. Ein Vergleich). Dem Augenschein nach geht es den in den von uns bereisten Gebieten in Äthiopien aber eher besser, als denen die wir im benachbarten Sudan südlich von khartum besucht haben. Dort fielen uns die Menschen aber stets durch ihre freundliche Zurückhaltung auf, nie hat einer die Hand aufgehalten und wäre im Gegenteil jederzeit bereit gewesen, das Wenige, das er hatte, mit dem fremden Gast zu teilen.
 
Natürlich geht das Phänomen in seiner Bedeutung weit darüber hinaus, dass sich Touristen belästigt fühlen. Ein Einheimischer, weit gereist und zutiefst gläubig, bezichtigt ein falsches Gottesverständnis als Ursache: „Die Menschen schauen in den Himmel und legen die Hände in den Schoß“, meint er. Klar ist jedenfalls, dass jede Gabe ohne Gegenleistung Abhängigkeiten fördert und Eigeninitiative unterbindet. Und so fordert zum Beispiel die Touristenbehörde in Lalibela mit Flugblättern dazu auf, unbedingt davon Abstand zu nehmen, Geld oder Geschenke an bettelnde Kinder zu verteilen.
 
Was ist Mentalität? Haben wir ein ganzes Volk zu Bettlern erzogen? Darf man so ein Land überhaupt als Tourist bereisen? Diskussion erwünscht!