logo hinter-dem-horizont.net

hinter-dem-horizont.net

durch afrika | reportagen | bilder | informationen

Hilfe für Afrika - Opium oder Psychotherapie?

Dieser Artikel wird im Diskussionsforum diskutiert...

Es geht immer nur bergauf. Stundenlang. Oft nur im Schritttempo. Über große Fels stufen und loses Geröll. Manche der vielen Kehren sind so eng, dass wir den Wagen zurücksetzen müssen und das Fahrzeug schaukelt so heftig, dass sich der Bauer, den wir auf dieser Piste über fast 2000 Höhenmeter in sein entlegenes Bergdorf im Norden Äthiopiens mitnehmen, übergeben muss. Die einheimischen Fahrer schütteln nur den Kopf: „Nein, auf dieser Piste kann man nicht fahren!“ Das tut auch keiner außer uns. Aber Menschen leben dort. Die Strecke führt durch eine fantastische Berglandschaft, zahlreiche Wildbäche wässern die terrassierten Felder und die Menschen wohnen in aufgeräumten, oft schön bemalten Hütten. Sicher - reich in einem westlichen Sinne ist hier niemand. Aber die Menschen haben ihr Auskommen. Sie haben Wasser und einen fruchtbaren Boden und ein stabiles Dach über dem Kopf - mehr als Millionen Andere auf dem Kontinent. Aber sie wollen mehr. Und das wollen sie von uns. Wenn wir anhalten, drücken sie ihre Nasen an den Scheiben platt, trommeln auf das Blech, steigen auf die Stoßstangen oder gleich auf die Motorhaube, greifen durch die offenen Fenster in den Wagen kreischen ihr ohrenbetäubendes „Give me, give me“ und versuchen uns an der Weiterfahrt zu hindern. Wenn wir nicht anhalten fliegen Steine.
 
Yoannos ist Anfang 30. Er trägt einen schwarzen Anzug und ein weißes Hemd und ist Kellner im „Haile Myriam“, einem der besten Restaurants in Mekele, der Hauptstadt der Provinz Tigray im Norden Äthiopiens. Jeden Abend ist der Laden voll. Neben dem gelegentlichen Touristen und einigen weißen Journalisten treffen sich hier vor allem Mitarbeiter der Hilfsorganisationen und die lokale Oberschicht. Zwei bis drei Euro kostet hier ein Abendessen, immerhin ein Zehntel eines durchschnittlichen Monatseinkommens in diesem Land. Das Essen ist vorzüglich und Yoannos macht seine Arbeit gut Nur als wir ihn dafür loben, vergisst er alles, was er gelernt hat und setzt sich unaufgefordert an unseren Tisch. Er klagt über die viele Arbeit und den geringen Lohn und stellt fest: „Die Deutschen sind gute Menschen!“ Neulich erst habe ihm einer 50 € Trinkgeld gegeben. Er schaut uns erwartungsvoll an, eine Spur zu lange für einen gut erzogenen jungen Mann.
 
Vor 22 Jahren ist Chuchu geboren. In einem kleinen Dorf in der Nähe von Konso im Süden Äthiopiens. Jetzt hat er englisch gelernt und sich ein T-Shirt gekauft und deshalb hat er Arbeit, wenn auch nicht jeden Tag. Wenn ein Tourist vorbeikommt darf er ihm die Gegend zeigen und bekommt dafür am Tag neun Euro, ein fürstliches Gehalt in dieser Gegend. Und er kann viel Interessantes erzählen von dieser anderen Welt, das erste aber was er sagt, ist: „Ich habe gehört, für einen Europäer ist es kein Problem, fünf Euro zu spenden. Im Monat. Für einen guten Zweck. Für meine Weiterbildung.“
 
Namentlich erwähnen wollen wir noch Airish. Airish ist 16 und wir treffen ihn in einer Bar in Turmi im Südwesten des Landes. Er sitzt da - und nicht draußen auf der Straße bei den anderen - und trinkt Bier. Das kann er sich leisten, denn er hat einen Sponsor. Peter, ein Deutscher, unterstützt ihn und zwei seiner Brüder und so muss er sich nicht mehr mit dem einheimischen Gebräu aus der alten Konservendose zufrieden geben, dass nur ein Zehntel kostet. Seine Zunge ist schon ziemlich schwer, als er uns auffordert, noch eine Runde auszugeben und als wir ablehnen, blickt er uns aus glasigen Augen ungläubig an
 
Nach stundenlang könnten wir erzählen: Von dem Dicken mit dem offenen Hemd, der, als er uns erblickt, seine erbarmungswürdigste Leidensmiene aufsetzt und stammelt: „Ich bin hungrig, gibt mehr Geld!“, von dem gepflegten älteren Herrn im feinen Anzug, der uns den Weg zeigt und uns dann eine Liste für irgendein Jugendprojekt präsentiert und versichert er nehme auch Dollar und Euro, vom Manager des staatlichen Bekele Mola Hotels, der sich nicht an den vorher ausgemachten Preis halten will und uns stattdessen eine Lektion über die schlechte Wirtschaftslage in Äthiopien erteilt, von der Mutter, die ihr Baby, das noch an ihrer Brust saugt, bereits abgerichtet hat, vor dem Fremden fordernd die Hand aufzuhalten und natürlich vom ewigen „Father dead, mother dead“. Die Liste ließe sich beliebig lange fortsetzen.
 
Die Bettelei ist eine Volkskrankheit
In Äthiopien ist die Bettelei ein Massenphänomen, eine Volkskrankheit, eine Seuche, und es vergeht kein Tag, an dem sich der Reisende nicht irgendeiner Forderung ausgesetzt sieht. Die Seuche hat Menschen jeden Alters und aller Schichten erfasst und angesteckt hat sich das Volk beim Staat: Meles Zenawi, der Premierminister Äthiopiens, dem vorgeworfen wird, das staatliche Fernsehen zu veranlassen, Bilder von früheren Hungersnöten als aktuelle Nachrichten zu verkaufen, und der just zu der Zeit einen grausamen und extrem kostspielige Krieg gegen das kleine Nachbarland Eritrea führt, wird im Jahre 2000 mit den Worten zitiert: „Europa braucht wohl erst wieder Skelette auf dem  Bildschirm, um ein bisschen was zu spenden.“
 
 
Abhängigkeit und Eigeninitiative
Man muss keine Statistiken studieren, um vor Ort zu sehen, in welchem Maße das Land abhängig ist von Hilfe von außen. Fast nichts wird in Eigenregie erledigt: Beim Straßenbau stammt allenfalls der Hilfsarbeiter aus Äthiopien, die Brunnen werden immer noch von der GTZ gebohrt und selbst der Fischer fährt nicht einfach raus in seinem Boot, sondern ist Mitglied eines von europäischen Hilfsorganisationen aufgebauten „Fishing Project“.
 
„ Eigeninitiative wird staatlich unterbunden“, meint Mamo aus Jinka und Hass blitzt in den Augen des intelligenten, sonst so ruhigen 21jährigen als er fortfährt: „Wir leben in einer Diktatur. Und wer das laut sagt, wird eingelocht." Er weiß, wovon er spricht, war er doch zusammen mit hunderten Anderen während der letzten Parlamentswahlen einfach weggesperrt worden, weil er sich für die Opposition engagiert hatte. „Und ihr finanziert das auch noch!". Araya Abraha aus Bahir Dar will das so nicht stehen lassen: „Den ganzen Tag sitzen sie vor ihren Hütten, legen die Hände in den Schoß und warten auf ein Wunder“, schimpft er auf seine Landsleute, „die Männer sind am schlimmsten: Sie spielen mit ihren Eiern und schicken Frauen und Kinder zum Wasser holen!“ Der 32jährige ist hier im zentraläthiopischen Hochland aufgewachsen, lebt aber nun etwa die Hälfte des Jahres in Spanien. Er, seit einer Poliomyelitis im Kindesalter selbst schwer körperlich behindert, will in seiner Geburtsstadt ein Heim für Behinderte gründen und kämpft deshalb seit zwei Jahren mit den Behörden. „Da muss man eben durch“, meint er und wird nicht müde, den umstehenden Einheimischen den Ablauf eines europäischen Arbeitsalltags zu schildern: „Da wird wirklich gearbeitet, von früh bis spät. Und abends, wenn man erschöpft von der Arbeit nach Hause kommt, muss man noch seinen Haushalt erledigen. Von nichts kommt nichts!“
 
Warum ist Äthiopien so arm?
Es mag viele Ursachen geben für die Armut im Lande, dem permanenten Sozialfall Nummer eins in Afrika („Der Spiegel“). Die Kolonialmächte jedenfalls sind’s diesmal nicht gewesen (Äthiopien war, als einziges Land Afrikas übrigens, niemals kolonialisiert) und auch die Missionare aus Europa kann man nicht verantwortlich machen (in Äthiopien gab es bereits in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung eine christliche Hochkultur, in einer Zeit, in der man in Mitteleuropa noch den Naturgöttern huldigte).
 
Wer könnte daran etwas ändern?
Ein ganz wesentlicher Grund für die Situation hier -und nicht nur in Äthiopien - ist aber ganz sicher die Tatsache, dass es niemanden gibt, der die Möglichkeit und gleichzeitig auch ein Interesse daran hätte, irgendwas an den Zuständen zu ändern.
 
Die Regierung?
Am wenigsten die Regierung, denn sie verdient kräftig an der Armut. 50 bis 150 Millionen US$ sollen es pro Jahr seien, die allein die parteieigene Spedition einfährt. Die Hilfsorganisationen sind per Gesetz dazu verpflichtet, Hilfsgüter mit den Transportfirmen der Regierungspartei transportieren zu lassen und die verlangt stark überhöhte Preise. Und so gilt: Je mehr Not desto besser das Geschäft. (Hinlänglich bekannt ist, dass jedes Jahr überall in Afrika Milliarden an Hilfsgeldern in den Taschen von Regierungsbeamten verschwinden.)
 
Die Helfer?
Aber auch den Helfern, scheint wenig daran zu liegen, sich selbst arbeitslos zu machen: „Ich bin mit einem Überschuss an Idealismus angetreten, doch nachdem ich mir in ein paar Jahren ein Einfamilienhaus zusammengespart hatte, war mein Verhältnis zu meinem Beruf nicht mehr dasselbe“, sagt Bernhard Meyer zu Biesen, Chef der deutschen Welthungerhilfe in Addis Abeba. Sicher wäre es falsch, allen Helfern ähnliche Beweggründe zu unterstellen. Karlheinz Böhm, Begründer und Chef der Hilfsorganisation Menschen für Menschen" zum Beispiel ist da ganz anders. Michael Bitala, damals Afrikakorrespondent der „Süddeutschen Zeitung" besucht ihn in Äthiopien. Er „kann Menschen mit einem Fingerzeig aus dem Elend befreien", schreibt er und weiter „er küsst den Jungen, legt ihm die Hand auf den Kopf und verkündet" die baldige Heilung des Krüppels. Dafür lieben ihn die Menschen, einer nennt ihn dankbar „Vater von Äthiopien“ und Böhm wird mit den Worten zitiert: „Können Sie sich jetzt vorstellen, welch ungemeine Freude mir die Arbeit macht". (Auch Böhm und sogar der Welthungerhilfe wird übrigens der ungeheuerliche Vorwurf gemacht, mit gefälschten Bildern auf Spendenfang zu gehen.) Mitunter hört man aber auch von politischen, oder wie zum Beispiel im Falle des christlichen Hilfswerks „World Vision“ von missionarischen Motiven und die westlichen Medien im allgemeinen werden bezichtigt, die Situation in den hilfsbedürftigen Ländern zu dramatisieren, um die Einschaltquoten zu erhöhen.
 
Die Geber?
Und auch die Geber gehen nicht leer aus. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich die USA mit Mais und Weizen aus Überschüssen und mit Waffenlieferungen billig das Recht einkaufen, immer mehr Militärbasen auf afrikanischem Boden zu errichten. Gleichzeitig werden so Märkte geöffnet für amerikanische genmanipulierte Nahrungsmittel, die in Europa  auf wenig Gegenliebe stoßen (dazu muss man wissen, das sich zum Beispiel genmanipulierter Mais nicht zur erneuten Aussaat eignet, so dass die Bauern, die solche Pflanzen anbauen, gezwungen sind, Jahr für Jahr neues Saatgut einzukaufen), der Bevölkerung in den Hilfsgebieten wird langfristig das Bild vom guten Onkel aus Amerika eingebrannt (die Behälter mit der Aufschrift USAid sind in Äthiopien allgegenwärtig und der einfache Mann, nach seinem Verhältnis zur Weltmacht USA befragt, verweist regelmäßig auf die „großzügige Hilfe“) und nicht zuletzt soll die schwarze Wählerschaft zuhause durch die Hilfe für Schwarze in Afrika auf die jeweilige Regierung eingeschworen werden. Aber auch die Europäer haben für ihre Hilfe sicher handfestere Motive als nur die Beruhigung ihres notorisch schlechten Gewissens: Immerhin wurden in Afrika riesige Ölfelder entdeckt und auch sonst ist der Kontinente reich an Bodenschätzen und bekanntlich hat nicht nur Amerika einen großen Hunger auf Rohstoffe.
 
Gründe genug nichts mehr zu spenden?
„Das ist doch alles Politik - uns geht’s doch um die Menschen!“, könnte man einwenden. Und immerhin - traurige Tatsache ist: Schwarzafrika geht es schlecht und es wird immer schlechter. Die Hälfte der Gesamtbevölkerung - mehr als 400 Millionen Menschen - haben weniger als einen Dollar am Tag zur Verfügung, die Hälfte mehr als noch vor 10 Jahren lebt unter der Armutsgrenze. Immerhin rund ein Siebtel der Weltbevölkerung lebt in Afrika und diese 880 Millionen Menschen schaffen gerade mal ein Hundertstel der Weltwirtschaftsleistung. Mehr als zwei Drittel aller afrikanischen Staaten rangieren am untersten Ende der Skala der Länder mit der geringsten Lebenserwartung.
 
Nur: Geld scheint nicht zu helfen
Hunderte von Milliarden Dollar wurden seit dem Ende der Kolonialzeit in den Kontinent gepumpt und trotzdem geht es den meisten Menschen heute schlechter als damals.
 
Trotzdem - oder gerade deswegen?
Lord Peter Bauer, damals Wirtschaftsprofessor in London, hat schon Anfang der 1980er Jahre die These aufgestellt, die in Entwicklungshilfe sei möglicherweise „teilweise eine Ursache des Nord-Süd-Konflikts und nicht seine Lösung" und behauptet, es spreche „vieles dafür, dass man Entwicklungshilfe weitgehend einstellen sollte". Und immer mehr, zunehmend auch afrikanische Experten schließen sich seiner Ansicht an, die Entwicklungshilfe belohne den Misserfolg und zementiere dadurch die Armut: „Hilfe ist nicht die Lösung" titelt die kenianische Zeitung "The Standard" und der britische Soziologe Graham Hancock kommt gar zu dem Schluss: „Entwicklungshilfe ist durch und durch schlecht und nicht reformierbar!".
 
Warum könnte es schlecht sein, armen Menschen zu helfen?
Die Gründe, die für die ablehnende Haltung gegenüber der Praxis der Gabe von Hilfsgütern angeführt werden, sind einleuchtend: Lebensmittel würden oft im Überfluss geliefert, kämen dann zu Dumpingpreisen auf den Markt und führten dazu, dass es sich für den kleinen Bauern nicht mehr lohne, überhaupt irgendetwas anzubauen. So werde dann auch der von einem produktiven Mitglied der Gesellschaft zu einem Almosenempfänger, lokal würden keine Nahrungsmittel mehr produziert und die nächste Hungersnot sei so vorprogrammiert. Ähnlich wie dem Landwirt ergehe es auch dem Schneider, der sich der Konkurrenz des Überangebots billiger Kleidungsstücke aus den Säcken der Altkleidersammlungen Europas und Amerikas ausgesetzt sehe. So würden Stück für Stück die letzten noch funktionierenden Strukturen zerschlagen und der Kontinent immer tiefer in die Abhängigkeit getrieben, aus der es keinen Ausweg gibt. Außerdem würden Vetternwirtschaft und Korruption gefördert und der Afrikaner zum Almosenempfänger degradiert.
 
Es klingt paradox: Hilfe zum Leben wird zur Sterbehilfe!
 
Jürgen Wolf, emeritierter Professor für Soziologie der Entwicklungsländer an der Universität Bochum, fasst zusammen: „Entwicklungshilfe hat Afrika nicht nur nicht geholfen – abgesehen von den winzigen, korrupten und ineffizienten Staatseliten –, sie hat eine verfehlte Politik finanziert und damit deren Beibehaltung ermöglicht“. Notwendige Reformen seien dadurch nicht eingeleitet, wirtschaftliche Energien gelähmt und so die Grundlage für immer mehr Abhängigkeit und damit immer mehr Elend geschaffen worden.
 
Opium oder Psychotherapie?
 
So fordert denn auch der kenianische Wirtschaftsexperte James Shikwati in einem Gespräch mit dem „Spiegel" („Der Spiegel“ 27/2005): „Streicht diese Hilfe!“ und führt aus: „Die Entwicklungshilfe ist einer der Gründe für Afrikas Probleme. Wenn sie abgeschafft würde, bekäme das der kleine Mann gar nicht mit. Nur die Funktionäre wären schockiert". Aber „dem verheerenden europäischen Drang, Gutes zu tun, lässt sich bisweilen leider nicht mit Vernunft begegnen.". Die Welt solle „Afrika endlich die Chance geben, selbst für sein Überleben zu sorgen. Derzeit ist Afrika ein Kind, das immer gleich nach seinem Babysitter schreit, wenn etwas schief geht. Afrikas sollte auf eigenen Füßen stehen". Vier Jahrzehnte lang habe Afrika Hilfsgelder „wie ein Opiat" genommen und sich einlullen lassen. "Nun ist eine Psychotherapie dringend nötig!".