logo hinter-dem-horizont.net

hinter-dem-horizont.net

durch afrika | reportagen | bilder | informationen

Windmühlen im Busch

Im Süden Angolas setzt sich ein deutsches Paar unermüdlich für die Kranken ein. Das Projekt wird mit Spenden aus Deutschland finanziert. Doch Angola ist eines der reichsten Länder der Welt.

Brunnen in Oncoua, Angoa

Wer kommt denn schon nach Oncocua? Wer setzt sich schon in einen Geländewagen und quält sich den ganzen Tag durch den Busch? Über ausgewaschene Pisten, vorbei an rauchenden Kochfeuern und ausgebombten Häusern. Um dann hier her zu gelangen. In diese planlose Ansammlung windschiefer Holz- und Lehmhütten und einiger verputzter Häuser, die den jahrzehntelangen Krieg überdauert haben und vielleicht auch nach der nächsten Regenzeit noch stehen.

Oncocua nennt sich Hauptstadt des Bezirks Ruacor in der Provinz Kunene im Süden Angolas. Einen Polizeiposten gibt es hier und ein kleines Krankenhaus, aber sonst ist nicht viel übrig geblieben von dem, was die portugiesischen Kolonialherren zurückgelassen haben. Wasser- und Stromversorgung sind zerstört, die Telefonleitungen gekappt, aber immerhin hat die UN in der Mitte der Siedlung einen Brunnen gebohrt, das Krankenhaus verfügt über ein Notstromaggregat und eine chinesische Firma hat vor drei Jahren einen Masten für Funktelefone aufgestellt, der auch einmal für ein paar Tage funktioniert haben soll. Es ist nicht viel los in Oncocua. Vor der Bar dösen ein paar barbusige Frauen im Staub, und auf dem Markt gibt es außer künstlichen Haaren und billigen Badelatschen nicht viel Sinnvolles zu kaufen.

Und wer schon mal hier her kommt, der bleibt meist nicht lange. „Nach spätestens einem Monat war mir klar“, sagt Anna, „dass ich meinen Vertrag nicht verlängern würde.“ Anna ist Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin und leitet zusammen mit ihrem Kollegen und Lebenspartner Phillip im Auftrag der deutschen Hilfsorganisation Cap Anamur das Krankenhaus nebst einigen dazugehörigen Gesundheitsposten im Busch. Die Arbeitsbelastung ist gewaltig, rund um die Uhr sind die beiden im Dienst, und der letzte Arzt, der hier tätig war, ist gerade so lange geblieben, bis das Ersparte für einen Geländewagen gereicht hat und war seither nicht mehr gesehen.

Es ist schon ärgerlich, wenn mal wieder kein Wasser aus der Leitung kommt, weil sich das ganze Dorf aus ihrem Tank bedient, wenn abends um neun das Licht ausgeht, weil irgendjemand die solargespeisten Batterien angezapft hat, oder wenn keine vernünftige Arbeit mehr möglich ist, weil wieder einmal medizinische Instrumente oder Medikamente gestohlen wurden. „Das Schlimmste aber ist“, sagt Anna, „dass wir jeden Tag von vorne anfangen müssen.“ Die beiden haben ein Krankenblatt entworfen, auf dem das im Krankenhaus tätige lokale Pflegepersonal dreimal täglich Puls und Temperatur eintragen soll, „aber“, meint Anna resigniert, „wenn eine unserer Krankenschwestern bereits zum dritten mal die 5. Klasse der Grundschule besucht, und nicht klar ist, dass 1 Liter Infusion zwei Flaschen zu je 500 Milliliter sind, ist das wahrscheinlich zu viel verlangt.“ Hat man dann endlich durchgesetzt, dass das Krankenblatt vorschriftsmäßig geführt wird, fordert es schon ein erhebliches Maß an Frustrationstoleranz, wenn ein Pfleger darauf besteht, eine Temperatur von 45°C gemessen zu haben, obwohl die Skala des Thermometers nur bis 42°C reicht.

Hinzu kommt der Zweifel. „Angola ist eines der reichsten Länder der Welt“, sagt Phillip. „Das Land verfügt über gewaltige Vorkommen an Erdöl und anderen Bodenschätzen. Wäre es da nicht eigentlich Aufgabe des Staates, sich um die Entwicklung des Landes und die medizinische Versorgung seiner Bevölkerung selbst zu kümmern?“