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Bwiti

Gabun ist reich an Traditionen. Verlässt man die Hauptstraßen, hat man gute Chancen, plötzlich mittendrin zu sein. Wir waren die ersten Weißen, die in dem kleinen Urwalddorf Diyanga an einer Bwiti-Zeremonie teilnehmen durften.

Bwti - Wie ein Geist aus  dem Wald...

Nach Staub schmeckt die Luft und nach brennendem Harz. Der Schweiß klebt das Hemd auf den Leib. Das Blut kocht vom heiligen Feuer und Tränen vom Rauch trüben den Blick. Es ist fast still geworden. Die Trommeln sind verstummt und auch der Gesang, und nur noch das Zirpen des Urwalds kitzelt das Ohr. Wir werfen uns auf den Boden. „Bukayu“, rufen wir in die Stille und klatschen in die Hände. „Bukayu, bukayu.“
 
Gabun, Zentralafrika. Das Fünfzig-Seelen-Dorf Diyanga liegt mitten im Urwald, und die Straße, die hierhin führt, ist oft nicht viel mehr als ein Trampelpfad. Seit fast drei Jahren sind wir nun in Afrika unterwegs, und gestern hatten wir mal wieder die Hauptstraße verlassen, unseren Geländewagen über wacklige Brücken balanciert und durch den Sumpf gequält, und waren am Abend in einem besonders tiefen Schlammloch stecken geblieben. Ein paar Männer aus Diyanga waren des Weges gekommen, hatten uns geholfen, unser Fahrzeug aus dem Schlamm zu ziehen und uns schließlich ein Nachtlager angeboten.
 
Aber heute brauchen wir kein Nachtlager. „Wir feiern die ganze Nacht“, freut sich Madoungou und seine Augen leuchten. Der drahtige Mittvierziger ist Angehöriger des kleinwüchsigen Völkchens der Masongo, das hier seit Urzeiten als Jäger und Sammler in den Wäldern lebt. Ihre Religion heißt Bwiti und ist, glaubt man der Literatur, eine Mischung aus traditionell afrikanischen und christlichen Elementen. Dabei spielt die Verehrung der Ahnen eine große Rolle: „Vor zwei Monaten ist hier ein alter Mann gestorben“, erklärt Madoungou. „Zwei Monate haben wir getrauert. Das hat heute ein Ende. Wir vertreiben die bösen Geister und können dann in Frieden weiterleben.“
Madoungou ist ein geachteter Mann im Dorf. Mit seiner Frau, seinen acht Kindern, der Schwiegertochter und dem kleinen Enkelkind lebt er in einer Lehmhütte am Rande der Piste. Es gibt keinen Strom und kein Telefon, das Wasser wird aus einem Bach in der Nähe herbeigeschleppt, und als Klo dient der Busch hinterm Haus.
 
Die Vorbereitungen für das große Fest dauern den ganzen Tag. Der kleine Tempel, Mbandja genannt, eine offene Hütte aus unbehauenem Holz, wird mit Palmzweigen geschmückt, jeder Mann im Dorf spendiert einen Kanister Palmwein, der von einer alten Frau verkostet und dann in große Kübel umgefüllt wird, aber man verbringt auch viel Zeit damit, die staubige Dorfstraße entlangzuschlendern und hier und da ein Schwätzchen zu halten.
 
Am Abend rauchen die Kochfeuer vor jeder Hütte. Eigentlich sollte es Fleisch geben an so einem Tag, Stachelschwein oder Affe, Gürteltier oder Python, aber die Männer hatten kein Glück bei der Jagd, und so begnügt man sich mit einer Suppe mit Waldkräutern und getrocknetem Fisch und freut sich über den Sack Reis, die Zwiebeln und das Öl, das wir als Gastgeschenk überreichen.
 
Als es dunkel geworden ist, werden ein paar Petroleumlampen angezündet. Leise Musik ist zu hören. „Wir machen uns warm für das Fest“, erklärt Madoungou. In einer der Hütten zupft ein Mann die Ngombi, eine Art Harfe, geformt wie ein Boot, und die Töne, die er den acht Saiten entlockt, klingen wie aus der anderen Welt, der Welt jenseits des großen Flusses, der das Heute vom Morgen trennt. Der Rhythmus wird schneller und peitschend mischt sich der Mongongo ein. Das Instrument sieht aus wie ein Jagdbogen, mit einem Stock wird die Spannung der Saite variiert und so die Tonhöhe verändert, mit einem anderen wild darauf eingeschlagen. Als Resonanzkörper dient der Mund des Musikers, und der sphärische Klang des Instruments lockt immer mehr Menschen in die enge Hütte. Bald gibt es kein Halten mehr, die Menge tobt, tanzt, singt und klatscht, und schon scheint die Stimmung überzukochen, als plötzlich alles vorbei ist und sich die Leute in alle Richtungen verlieren.
 
Es ist schon lange nach Mitternacht, als sich die Männer auf einer Waldlichtung treffen. Palmwein wird ausgeschenkt, ein Becher herumgereicht. Sauer und bitter schmeckt das Gebräu, aber es heizt die Stimmung an. Im Schein des Lagerfeuers schmücken sich die Männer gegenseitig mit Blättern der Raffiapalme und bemalen sich die Gesichter mit weißem Kalk. Unter beifälligem Johlen werden auch wir so geschmückt. Wie ein riesiger Python schiebt sich die lange Reihe der Männer aus der Lichtung und schlängelt sich, begleitet vom Singen und Klatschen der Frauen, auf den Tempel zu. Und wir mittendrin.
 
Am Kopfende des Tempels kauert der Nganga, der große weise Mann, der, der alles weiß über den Wald, das Leben heute und das nach dem Tod. Drei Männer bearbeiten mit Stecken die Bake, eine lange Stange aus Holz, und zu den treibenden Rhythmen tanzt sich die ganze Gesellschaft in Ekstase bis der Boden bebt. Frauen rutschen auf den Knien zum Altar, singen, murmeln beschwörende Formeln und übergeben ein Geldgeschenk. Wie ein Geist schwebt ein Mann aus der Finsternis des Waldes, am ganzen Körper bemalt und nur mit dem Fell einer Ginsterkatze und einem Kopftuch bekleidet, in der einen Hand ein Opfertier, in der anderen eine Fackel aus Rinde und Harz. Fünf Männer rennen mit brennenden Holzscheiten durchs ganze Dorf, um böse Geister zu vertreiben, und immer wieder wird gebetet, getrommelt, gesungen und getanzt.
 
Im Morgengrauen dann endlich unser Auftritt: Wir werfen uns auf den Boden. „Bukayu“, rufen wir und klatschen in die Hände. „Bukayu, bukayu.“ Wir legen einen Geldschein und ein paar Münzen auf das rote Tuch vor uns. Langsam erhebt sich der Nganga, der große, weise Mann, und tritt aus dem Halbdunkel. Mit den ausgestreckten Händen formt er eine Schale und erteilt uns seinen Segen. „Danke, Fremde“, sagt er. „Danke, dass Ihr zu uns gekommen seid und unsere Traditionen achtet.“