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Nairobi

Sie hatten ihn fast totgeschlagen. Und wir hatten tatenlos zusehen müssen. Dabei hatten wir ihm helfen wollen, hatten der armen Kreatur eine Plastiktüte voller Klamotten geschenkt, die, die wir halt noch hatten, nachdem in der Nacht zuvor unser Hotelzimmer ausgeräumt worden war, während wir schliefen. Und nun prügelten sie sich um die alten Kleider.
 
Das war 1997. Noch in der Ära Moi. In diesen Tagen hatten ethnische Unruhen zigtausende von Flüchtlingen in die Hauptstadt Kenias gespült und die kämpften jetzt gegen hunderttausende von Underdogs ums nackte Überleben. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung Nairobis lebte damals unter der Armutsgrenze und hauste unter Pappkartons und Plastiktüten in den uferlosen Slums der Stadt. Die einzige Weiße, wie wir damals kennen lernten, die noch nie überfallen worden war, war Mitarbeiterin des Internationalen Roten Kreuzes und verriet uns ihr Geheimnis: „Ich wohne in einem hermetisch abgeriegelten Hotel. Morgens holt mich mein Fahrer ab und bringt mich ins Büro und abends wieder zurück. Sonst gehe ich nie aus dem Haus.“
Die Stimmung war angespannt in der Stadt, die Menschen gingen eher seitwärts als vorwärts, immer mit dem Rücken zur Wand und niemand trug eine Handtasche.
 
Noch immer gilt Nairobi alias Nairobbery als eine der Hauptstädte der Kriminalität und ist berühmtberüchtigt für eine besonders brutale Variante des Autodiebstahls: Fahrzeuglenker werden mit vorgehaltener Waffe zur Schlüsselübergabe gezwungen, häufig wird sofort geschossen und, um keine Zeugen zu haben, werden gleich sämtliche Insassen des Wagens ermordet. Carjacking nennt man das.
 
Wir machen uns Mut mit dem Gedanken, dass ein so auffälliges Fahrzeug wie unseres, noch dazu mit dem Lenkrad auf der falschen Seite (in Kenia herrscht Linksverkehr) für solche Kriminelle, die die Beute natürlich schnell zu Geld machen wollen, wenig interessant sein dürfte und erleben die Stadt ganz anders: Freundliche, entspannt wirkende Menschen schlendern durch die Innenstadt, im Uhuru -  Park, früher eine No-Go-Area, wird Eis verkauft und Golf gespielt und in den modernen, aufgeräumten Büros der Ausländer- und Zollbehörde sagen große Plakate der Korruption den Kampf an. Es gibt riesige Shopping Malls und nach den langen Monaten im Sudan und in Äthiopien kommen wir uns vor wie in den USA und decken uns mit allerlei Luxusgütern wie Wurst und Käse ein, die so lange nirgendwo käuflich erhältlich waren.
 
Natürlich sehen wir nicht die ganze Wahrheit. Wir campen bei Chris, einem Deutschen, gut beschützt hinter meterhohen Mauern auf einem großen Grundstück am Stadtrand und können uns in den kalten Nächten im Wohnzimmer breit machen, Berichte fürs Internet schreiben, Fotos sortieren, uns mit anderen Afrikafahrern austauschen und neue Reisepläne schmieden.
 
Von dort allerdings muss man nicht weit gehen, da wohnt in einem Straßengraben ein zotteliger Mann zwischen zwei Windschutzscheiben und wärmt sich an einem Feuer aus dem Müll der Gesellschaft, zu der er nicht gehört. Hier endet der Asphalt. Hier endet die Erste Welt…