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Immobilienmarkt

Täglich ab 18:30 Uhr. In Scharen fallen sie ein. Rang und Größe ist entscheidend. Es wird gedrängelt, gestritten und übervorteilt. Die Objekte werden genau unter die Lupe genommen, skeptisch begutachtet. Von außen und von innen. Auf Mängel überprüft. Man kann es drehen und wenden wie man will. Solange noch keine Wahl getroffen und keine Entscheidung gefällt ist, werden die Behausungen aufs äußerste erstmal verteidigt und beschlagnahmt. Wenn eine Übereinkunft stattfindet, geht alles ganz schnell. Der Umzug findet sofort statt.
 
Aber erstmal der Reihe nach. Es beginnt alles mit einem wunderschönen Sonnenaufgang über dem Meer und einem anschließenden Strandspaziergang. Am naturbelassenen, derzeit unbewohnten Meeressaum stoße ich auf verschiedene Objekte. Der Baustil in Form, Größe und Gestaltung völlig unterschiedlich - ein breites Potenzial ansprechend.
 
Derzeit weiß ich noch gar nicht wie gut sich dieses Geschäft entwickeln wird. Also nehme ich die vielseitigen Wohnbauten in meine Sammlung auf. Wieder zurück am Stellplatz werte und begutachtete ich und stelle dennoch erstmal alles aus.
Reges Interesse schon am ersten Abend. Ich bin sehr überrascht, damit hätte ich nicht gerechnet. Kenne mich ja in dieser Branche viel zu wenig aus. Aber man lernt ja immer dazu. Und mein Interesse wächst. Genauer sehe ich mir die Kunden an, um auf ihre Bedürfnisse besser eingehen zu können. Ich beobachte Lebensgewohnheiten und bevorzugte Interessen, versuche solche Objekte heran zu schaffen und meine Auswahl stetig zu erneuern beziehungsweise zu vervollständigen. Ich teste sie auf Bereitschaft, ihren Wohnraum zu wechseln und biete ganz gezielt Häuser an, mit viel Erfolg. Dies gelingt mir wohl sehr gut, es spricht sich herum und allabendlich kommen mehr Kunden.
 
Am besten gehen mittelgroße, spiralförmig gedrehte, nicht allzu schwere Schneckenhäuser. Auch Schneckenhäuser üblicher Art und Napfschneckenhäuser verschiedener Größen. An zweiter Stelle folgen kleinere leere Muschelgehäuse, die meistens stabiler und deshalb schwerer sind. Große Muschelhäuser finden seltener Absatz, da größere Einsiedlerkrebse langsamer wachsen und daher nicht so oft tauschen müssen.
 
Die Kunden sind also Einsiedlerkrebse. Wie sie auf die Welt kommen weiß ich nicht, aber ich weiß, dass sie gefundene leere Gehäuse bewohnen und sich von Zeit zu Zeit nach neuen, anders als Schnecken, bei denen die Gehäuse mitwachsen, umschauen müssen. Einsiedlerkrebse wohnen daher in Strandnähe, aber überwiegend auf trockenem Land.
 
Die vordere Hälfte der Krebse besteht aus gepanzertem Körper mit Scheren und Tentakeln. Das im Haus versteckte Hinterteil des Körpers ist schneckenähnlich feucht und weich mit Haltebeinen. Durch die allabendlichen Beobachtungen habe ich viel über die Krebse erfahren, sogar mehrere Haustauschaktionen gesehen. Das erwählte Haus wird genau in Position gebracht, so dass das empfindliche Hinterteil sofort nach dem „ausparken“ in das neue Haus gesteckt werden kann. Sehr geschickt gehen die Krebse dabei vor. In Bruchteilen von Sekunden geht es vor sich.
Begehrte Objekte sind dabei heiß umringt und die Krebse versuchen, sich gegenseitig davon abzuhalten beziehungsweise aus verpasster Chance daran zu hindern, ein neues Haus zu beziehen. So hängen sie sich stets an bewohnte Gehäuse Huckepack und attackieren den Umziehenden.
Manchmal hat ein Bewerber bis zu 10 Mitstreiter, die dann zum Teil hinter einander hängen. Jeder will den Vordermann davon abhalten, näher zu kommen. Vielleicht ist es auch nur Neid.
 
Eigentlich scheinen die Tiere mit ihrem Gehäuse behäbig, aber sie sind sehr kraftvoll und können in unwegsamem Gelände gut klettern. Je nach Gehäuse sind sie auch sehr schnell. Aus Gefahrensituationen, wenn zum Beispiel ihr spiralförmiges
Gehäuses senkrecht im Sand steckt (was wahrscheinlich nur vorkommt, wenn die Immobilienmaklerin Tests macht), können Sie sich gut und clever befreien. Zuerst suchen sie nach Grashalmen, an denen sie sich herausziehen können; wenn diese nicht vorhanden sind, klettern sie soweit aus Ihrem Haus raus, dass sie mit Kraft im Sand scharren, um die Position zu verändern.
 
Wenn sich in unmittelbarer Umgebung etwas bewegt, ziehen sie sich in ihr Haus zurück, verschließen mit ihren gepanzerten Scheren den Eingang. Wenn sich nichts mehr rührt, kommen sie wieder heraus. Das geht stundenlang so, vielleicht die ganze Nacht. Am Morgen sehe ich dann, welche Häuser getauscht wurden, sammle neue Angebote, um die Nachfrage zu regeln (stelle dann aber nicht mehr alle aus, muss gestehen, dass ich manche für mich behalte, auch wenn ich selbst sie nicht bewohnen kann).
 
Und täglich ab circa 18:30 Uhr, nach Sonnenuntergang, fallen sie dann wieder in Scharen ein…