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„Demokratie kann man nicht essen“

Simbabwe liegt am Boden. Präsident Robert Mugabe und seine Partei haben das einstige Musterland Afrikas in achtundzwanzigjähriger Alleinherrschaft so gründlich ruiniert, dass eine mögliche künftige demokratische Regierung vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe steht.

Douglas mit einem T-Shirt mit dem Konterfei des Oppositionsführers Morgan Tsvangirai

„Dass es in diesem Land einmal Hunger geben würde“, sagt Douglas, „hätte früher niemand für möglich gehalten.“ Der Siebzehnjährige ist Mitglied einer katholischen Jugendorganisation und lebt in Chezya, einem kleinen Lehmhüttendorf am Südufer des Sambesi im Nordwesten Simbabwes.

Die älteren Leute aus dem Dorf können sich noch gut an bessere Zeiten erinnern. Als Robert Mugabe, heute 84 und noch immer Präsident des Landes, 1980 als Sieger aus den ersten freien Wahlen hervorging und die Macht von der weißen Minderheitsregierung im damaligen Südrhodesien übernahm, schien es, als wolle er beweisen, dass der Zerfall im postkolonialen Afrika kein unabwendbares Schicksal ist. Das Land wurde als schwarzer Modellstaat gefeiert und in guten Jahren wurden eine halbe Million Tonnen Mais exportiert. Heute sind Millionen von Menschen von Lebensmittelieferungen aus dem Ausland abhängig.
 
„Immerhin dürfen wir jetzt sagen, was wir denken“, sagt Douglas und präsentiert stolz sein T-Shirt mit dem Konterfei des Oppositionsführers Morgan Tsvangirai. Nach jahrelanger blutiger Unterdrückung Andersdenkender hatte es zuletzt Anlass zu neuer Hoffnung gegeben: Im März hatte die „Bewegung für demokratischen Wandel“ um Tsvangirai die Parlamentswahlen gewonnen, und nach monatelangem Tauziehen hatte man im September feierlich ein Abkommen über die Teilung der Macht unterzeichnet. Seither wird um die Verteilung der Ministerämter gestritten und die Beteiligten weisen sich gegenseitig die Schuld am regelmäßigen Scheitern der Gespräche zu.
 
Dabei wäre Eile geboten: Die Wirtschaft des Landes liegt am Boden, Strom gibt es, wenn überhaupt, nur stundenweise, in den Städten kommt mitunter wochenlang kein Wasser aus der Leitung, und in den Vororten der Hauptstadt Harare hat eine Choleraepidemie bereits Dutzende von Todesopfern gefordert. Krankenhäuser bleiben geschlossen, weil es an Medikamenten und medizinischem Gerät fehlt, und das Personal keinen Sinn darin sieht, den Patienten beim Sterben zuzuschauen. Qualifizierte Fachkräfte wandern zu Tausenden ins Ausland ab. An den Tankstellen gibt es keinen Treibstoff, ein eigenes Fahrzeug kann sich niemand leisten, der öffentliche Verkehr ist weitgehend zum Erliegen gekommen, und so pilgern Tausende zu Fuß über die staubigen Landstraßen auf dem Weg zur nächsten Ausgabestelle für Nahrungsmittel, die internationale Hilfsorganisationen im ganzen Land eingerichtet haben. Abgesehen von den jungen Männern, die in den Grenzorten in den Nachbarländern Sambia, Mosambik, Südafrika und Botswana mit dicken Bündeln von Geldscheinen wedeln und in den Verhandlungen mit ihren Kunden den realen Wert der Währung festlegen, akzeptiert außerhalb des Landes niemand mehr den Simbabwe-Dollar, und so fehlt es im Land an allem, was importiert werden muss. In den Geschäften gibt es nichts mehr Essbares zu kaufen und die Schilder über den leeren Regalen verhöhnen den Kunden mit markigen Sprüchen wie „Thats your choice“ oder „ Get more for your Dollar“. Die galoppierende Inflation - sie wird von ausländischen Beobachtern auf schwindelerregende zehn Milliarden Prozent pro Jahr beziffert – macht einen gewinnorientierten Handel unmöglich, das Geld ist kaum mehr das Papier wert, auf dem es gedruckt wird, die Lohnentwicklung hält nicht mit der Geldentwertung Schritt und so stürzen die Reallöhne ins Bodenlose. In vielen Schulen findet seit Monaten kein Unterricht mehr statt - es fehlt an Stiften und Papier und Lehrbücher gibt es schon lange nicht mehr -und die Lehrer bleiben der Arbeit fern, weil sie von ihrem kläglichen Einkommen ihre Familien nicht mehr ernähren können.
 
Die Menschen in dem kleinen Dorf Chezya versuchen nicht mehr, den Fisch aus dem Sambesi zu verkaufen. „Die Händler betrügen uns“, sagt Douglas. „Die nächste Stadt liegt 50 Kilometer von hier und wenn wir da hin kommen, stellen wir fest, dass wir für ihr Geld nichts kaufen können.“ So hat man den traditionellen Tauschhandel wiederentdeckt und versucht, neue Wege zu finden im täglichen Kampf ums Überleben.
 
„Wir müssen unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen“, meint Douglas. „Demokratie kann man nicht essen.“