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khartum

khartum ist ein Staat im Staat, ein Kaleidoskop der Ethnien und - auf den zweiten Blick - ein Spiegel der gesellschaftlichen Extreme, der Spannungen und Auseinandersetzungen einer blutigen Vergangenheit. Hier ist das Kapital konzentriert: Gleich fünf Brücken überspannen den Nil, an einer sechsten wird gebaut (die nächste Brücke nördlich von khartum befindet sich etwa 2000 km flussaufwärts in Assuan). Auf Hochglanz polierte Autos neuester Bauart verstopfen hier die Straßen, der Landbewohner kann froh sein, wenn er einen Fuß auf der Ladefläche eines Lkw unterbringt. Am Stadtrand warten immer noch Flüchtlinge aus den Bürgerkriegsregionen des Südens auf ihre Rückführung in die Heimat, in ärmlichen Behausungen, zusammengenäht aus ein paar Säcken und Plastikplanen, ihrer Menschenrechte beraubt. Ist auf dem Lande kaum das Nötigste erhältlich, quellen hier die Märkte über und in den Randbezirken tanzt Afrika. Verkrüppelte Kinder kriechen durch den Staub, am Nilufer wir fein diniert und gegenüber halten mit Schlagstöcken bewaffnete Polizisten den Mob in Schach, während wohlriechende Damen dem Konzert eines berühmten Sängers lauschen. Aber immerhin herrscht inzwischen Pressefreiheit, man darf laut Fragen stellen nach der Beteiligung der Regierung am Völkermord im Darfur, nach der Wahrheit über die Existenz von Sklaverei im 21. Jahrhundert und nach dem Vorankommen der Entwicklung im Süden des Landes, und der Dinka auf dem Campingplatz darf auf den Boden spucken, wenn er über die Regierung schimpft. Hält man sich raus aus alledem, dann ist die Stadt nicht ohne Charme und wenn dann noch ein Mitarbeiter einer europäischen Botschaft einen schwarzen Plastiksack vorbeibringt, drin eine Palette Dosenbier (Alkohol ist im Sudan verboten und offiziell nirgendwo erhältlich), dann steigt die Stimmung ungemein und der Campingplatz am Nil wird zu einer saftigen Oase im ewigen Staub dieses wüsten Landes.
Fast eine Woche bleiben wir hier, treffen Peter wir wieder und Daren (den Fahrradfahrer), und lernen Christian kennen, einen Deutschen, der mit dem Rucksack unterwegs ist, Beziehungen hat zu einem Sufiorden (eine Art islamische Sekte) und über einiges Insiderwissen verfügt. Wir treffen Leute verschiedener europäischer Vertretungen und eine Angehörige der syrischen Botschaft und diskutieren stundenlang mit sudanstämmigen Mitarbeitern einer Hilfsorganisation, die im Darfur tätig ist. In einer staubigen Gasse eines Industrieviertels lassen wir den Tank unseres Autos schweißen, brauchen dabei einiges an Verhandlungsgeschick um die erheblich überzogenen Lohnforderungen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren und widmen uns anderen profanen Dingen wie der Körperpflege, der Innenreinigung unseres Autos, dem Waschen von Wäsche und verschiedenen Behördengängen: Für unseren geplanten Ausflug in den Süden des Landes brauchen wir ein Travelpermit, zum Fotografieren ebenfalls eine Erlaubnis der Behörden (Daren war gar mal festgenommen worden, weil man ihn bezichtigte, Soldaten fotografiert zu haben - das darf man allerdings auch nicht, wenn man ein Fotopermit hat) und ein Visum für Äthiopien. Ein ganz großes Erlebnis ist der Besuch einer Zeremonie der tanzenden Derwische, bei der sich Angehörige eines Sufiordens unter großer Anteilnahme der Bevölkerung singend und trommelt in Trance tanzen. Überwältigend ist auch der riesige Tiermarkt im Südwesten der Stadt, bei dem auf einer Fläche von mehreren zig km² tausende von Tieren aller Art feilgeboten werden und ein Bummel durch den ausgedienten orientalisch-afrikanischen Markt in Omdurman. Gestärkt und neu geordnet machen wir uns schließlich wieder auf den Weg zum Horizont…