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Das etwas andere Afrika
Die ersten Tage im "Afrika der Weißen"

Schon an der Grenze hatten wir gespürt, dass wir eine andere Welt betreten. Der Krüger Nationalpark in Südafrika bietet nach einer Vereinbarung aus dem Jahre 2000 zusammen mit dem Limpopo National Park in Mosambik und den Gonarezhou National Park in Simbabwe ein riesiges grenzüberschreitendes Naturschutzgebiet und seit einiger Zeit ist es an zwei Punkten im Park möglich, von Mosambik nach Südafrika einzureisen. Der mosambikanische Teil des Parks befindet sich „noch im Aufbau“ - immerhin hat man, übrigens finanziert von der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), bereits ein paar Stellplätze für Camper eingerichtet und die Straßen durch den Park erfordern bei trockenem Wetter nicht mehr unbedingt einen Geländewagen - das touristische Interesse hält sich jedoch noch in engen Grenzen: Höchstens ein Dutzend Fahrzeuge werden täglich am Gate registriert. Auf der anderen Seite des Schlagbaums rechnet man in anderen Größenordnungen: 1,1 Millionen Touristen besuchen jährlich den südafrikanischen Teil des Parks und die werden zügig abgefertigt: Innerhalb von Minuten sind wir im Besitz eines kostenlosen Visums und die freundlichen Zollbeamten füllen schon mal die Einfuhrpapiere für unseren Wagen aus (ebenfalls umsonst!) während wir eine „Wild Card“ erstehen, eine Scheckkarte mit eingebautem Mikrochip, die uns berechtigt, ein Jahr lang insgesamt 88 Parks in Südafrika zum Nulltarif zu besuchen (und mit umgerechnet etwa 120 € für zwei Personen weniger kostet als ein einziger Tag in der Serengeti in Tansania) und natürlich mit Kreditkarte bezahlen. Gleich mehrere verschiedene Landkarten und Führer für den Park - unter anderem auch in deutscher Sprache - sind an der Grenzstation erhältlich (im zentralen Informationsbüro in der Serengeti hatten wir vergeblich nach irgendwelchen Informationen gefragt, Kartenmaterial war überhaupt nicht erhältlich und das einzige Schriftstück, was man dort dann schließlich doch noch in irgend einem der verstaubten Regale fand, war ein einzelnes Exemplar einer allgemein gehaltenen Broschüre über die Schönheiten der Natur auf Französisch), die Pisten im Park sind gut ausgebaut und auch bei Nässe mit jedem normalen Pkw befahrbar, die Hautverbindungsstraßen sind gar asphaltiert und die Camps im Park warten mit allem auf, was das Touristenherz begehrt: Neben Restaurant und Bar findet sich eine Tankstelle, ein Bankautomat, ein Supermarkt und ein Swimmingpool, alle Stellplätze verfügen über einen Stromanschluss und einen Grill, in den blitzsauberen Sanitäranlagen kommt rund um die Uhr heißes Wasser aus der Leitung (es gibt sogar Badewannen!) und Waschmaschinen (die ersten, die wir südlich von Nairobi sichten), Trockner und Bügeleisen stehen für kleines Geld bereit - das alles für erschwingliche fünf Euro pro Person und Nacht (in der Serengeti hatten wir für einen Stellplatz ohne jegliche weitere Einrichtungen außer einem betongefassten Loch im Boden 30 US-Dollar pro Person bezahlt). Was die schiere Anzahl großer Säugetiere angeht, die wir hier zu Gesicht bekommen, kann der von uns bisher abschnittsweise bereiste Mittelteil des Parks (der Krüger Nationalpark ist riesig - 414 km sind es auf dem kürzesten Weg vom Parfuri Gate im Norden bis zum Malelane Gate im Süden) jetzt zum Ende der Regenzeit allerdings nicht mithalten mit den großen Parks in Ostafrika (immerhin sichten wir aber neben Flusspferden und Krokodilen zahlreiche unterschiedliche Antilopen, ein paar Zebras und Giraffen, jede Menge Elefanten und an einem Platz gleich drei der Großen Fünf: Elefant, Büffel und Löwe) und so spezialisieren wir uns bald auf Insekten und Vögel und können inzwischen problemlos den Weißstirnbienenfresser und die Spitzschwanzparadieswitwe vom gemeinen Suppenhuhn unterscheiden.
 
Phalaborwa liegt direkt am gleichnamigen Gate im Westen des Parks und fühlt sich an wie irgendeine US-amerikanische Kleinstadt. Es gibt gleich mehrere Einkaufszentren, die Straßen sind breit, die Gartenzäune niedrig und kaum irgendwo gibt es Gehsteige: Hier geht niemand zu Fuß und erstmals seit unserem kurzen Besuch in Deutschland sehen wir wieder mehr Fahrzeuge auf der Straße als Menschen. Die ausufernde Kriminalität - Südafrika hat, glaubt man den Statistiken, die höchste Kriminalitätsrate der Welt - scheint die Provinz noch nicht erreicht zu haben (obwohl die kostenlose Wochenzeitung des örtlichen Gewerbevereins in jeder Ausgabe die Anzahl der Festnahmen wegen Diebstahls, Einbruchs oder sexueller Belästigung auflistet und ein Leserbriefschreiber fordert, statt dessen die Anzahl der verübten Verbrechen zu veröffentlichen und sinnvolle Präventionsmaßnahmen einzuleiten) und manch einer parkt seinen Wagen vor den Shopping Malls mit offenen Fenstern.
 
Gut 100 km südwestlich von hier hat der Blyde River einen gewaltigen Canyon in den rotbraunen Felsen gefressen, am nordöstlichen Ende dieser Schlucht liegt ein kleiner Stausee und ganz in der Nähe ein großer Campingplatz in einer spektakulären Kulisse. Auf dem weitläufigen Gelände finden wir einen schönen Stellplatz am Waldrand und genießen die Ruhe und die herrliche Umgebung. Auch dieser Platz ist mit allen erdenklichen Einrichtungen ausgestattet und beinahe könnte man vergessen, dass man immer noch in Afrika ist, wären da nicht die zahlreichen Affen, die durch die Bäume turnen, die großen Kudus (eine Antilopenart) die durchs Gelände stolzieren, die Flusspferde und Krokodile, die sich im See tummeln und die Cobra, die sich bei einem unserer Spaziergänge drohend vor uns aufbaut.
Wir haben unseren afrikanischen Rhythmus wieder gefunden, gehen früh zu Bett und stehen mit den Vögeln auf, bis das Hinterland seine Schleusen öffnet: es ist Gründonnerstag und sie fallen in Scharen ein für ein verlängertes Wochenende im Grünen und mit der Ruhe ist es vorbei. Camping ist eine Art Volkssport in Südafrika, auf die Annehmlichkeiten der Zivilisation scheint man aber auch für ein paar Tage über Ostern nicht verzichten zu wollen: Kaum einer, der nicht gleich mehrere Zelte und Pavillons rund um seinen Wohnwagen aufbauen würde (manche bringen gar eine mobile Garage für ihre nagelneuen Geländewagen mit), ausgestattet mit allem, was der moderne Mensch eben so braucht: im Küchenzelt steht die Kühl-Gefrier-Kombination neben der Kaffeemaschine und der Mikrowelle, das Wohnzelt ist mit DVD Player und Satelliten TV ausgestattet und im Wohnanhänger läuft Tag und Nacht die Klimaanlage. Die Camper-Gemeinde besteht ausschließlich aus Weißen. Die Schwarzen auf dem Platz tragen grüne oder orangefarbene T-Shirts mit der Aufschrift „Caravan Assistent“ oder „Casual“, helfen beim Auf- oder Abbau der Zeltburgen und waschen Wäsche oder spülen das Geschirr der weißen Nobelcamper. Natürlich geht auch hier keiner zu Fuß - selbst der kurze Weg zum Supermarkt wird mit dem Wagen zurückgelegt - und am Swimmingpool spielt man am Nachmittag lustige Spiele zu Bierzeltmusik und dröhnender Animation in Afrikaans. Aber es gibt kein Entrinnen - zu Ostern sind in Südafrika alle Campingplätze voll bis auf den letzten Platz - und so richten wir uns ein zwischen mobilen Gartenzäunen und Grills, zumal unsere Nachbarn (übrigens alle sehr nett und offen), die sonst offenbar gerne nahe zusammenrücken, gebührenden Abstand halten von uns sonderbaren Aliens…