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Anders leben

Es gibt Menschen, die träumen sich ihr Paradies. Und Milch und Honig ist den meisten nicht genug. Und es gibt Menschen, die brauchen solche Träume nicht. Und ihr Leben ist hart und selbstbestimmt und frei.

Moritz Konrad sitzt auf der Terrasse vor seinem alten Farmhaus. Sein Blick schweift über die Wiese, hinunter zum Fluss und am anderen Ufer den Hang hinauf. Dann kneift er die Augen zusammen und nimmt sein Fernglas zu Hand. „Da sind sie ja, meine Schafe“, freut er sich, „die habe ich schon seit drei Wochen nicht mehr gesehen.“
 
Mit Schafen muss er noch üben. Und auch sonst ist alles neu. Vor drei Jahren ist er hierher gekommen mit seiner Frau Andrea, vor zwei Jahren ist Kilian geboren und die kleine Ronja ist gerade mal sechs Wochen alt. Der Hund heißt Rocco und das Tal in dem die Fünf Leben heißt Biedouw Valley und liegt 200 km nördlich von Kapstadt in den südafrikanischen Cedarbergen.
 
Aussteiger? Sie seien „umgesiedelt“, sagen sie, aus der Enge der Zweizimmerwohnung irgendwo in München auf diese 2500 Hektar große Farm, in dieses 170 Jahre alte Haus. Und seither ist alles anders.
 
Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen waren beide gewohnt. Sie als Krankenschwester in einer Münchner Klinik, eher als Pilot bei einer großen europäischen Fluglinie. Nicht dass der Job keinen Spaß gemacht hätte, genervt hätten eher die Kollegen mit ihren ewig gleichen Klagen, mit ihren Illusionen und ihren unerfüllten Träumen.
 
„Ich habe schon immer mal was Eigenes tun wollen“, sagt der heute 34jährige, „und dann ist es halt so gekommen.“ Das kleine Privatflugzeug wurde mit den anderen paar Habseligkeiten in einen Container gepackt, ein Kredit für die Farm aufgenommen, und „dass dann Kilian kam“, ergänzt Andrea, „finden wir im Nachhinein richtig gut. Sonst hätten wir vielleicht gedacht, alles müsse perfekt sein, bevor wir Kinder in die Welt setzen.“
 
„Perfekt“ ist ein Wort aus dieser anderen Welt, aus der Welt, die hinter Ihnen liegt. „Das Wetter hier ist eigentlich unerträglich“, sagt Andrea, „im Winter ist es kalt und wir haben keine Heizung.“ Letztes Jahr hat ein Sturm das kleine Flugzeugs schwer beschädigt, schon wiederholt haben sintflutartige Regenfälle die Ernte zerstört und immer wieder sind die Fünf tagelang von der Umwelt abgeschnitten, weil die Straßen überflutet sind. „Wenn dann die Kleine krank wird“, sagt Andrea, „ist es schon manchmal zum verzweifeln.“ Der nächste Arzt praktiziert 60 Pistenkilometer weit entfernt in Clanwilliam, der nächste Kinderarzt in Kapstadt und das Buch über Kinderkrankheiten, das die beiden aus Deutschland mitgebracht haben, hilft auch nicht immer weiter: „Fragen Sie doch einfach ihre Hebamme“, lautet da oft der gut gemeinte Rat. Das klingt hier draußen manchmal fast sarkastisch.
Die Sommer sind heiß und trocken im Biedouw Valley, 50 Grad sind keine Seltenheit, und kein Tourist verirrt sich dann in diese Gegend. Zwei kleine Ferienhäuschen, landestypisch weiß getüncht mit reetgedecktem Dach hat Moritz mit seinen Helfern auf dem weitläufigen Gelände aufgebaut, ein drittes ist in Arbeit, daneben vermieten sie Zimmer im eigenen Haus, und das Flugzeug war ursprünglich dazu gedacht, Touristen Rundflüge anzubieten. Doch die Saison ist kurz. „Davon leben können wir nicht“, sagt Moritz, „das haben wir bald eingesehen.“ Und so züchten sie jetzt Schafe und bauen Nutzpflanzen an, die an die extremen Bedingungen angepasst sind.
„Man muss seinen Tag strukturieren und immer bereit sein, Neues zu lernen“, erläutert Moritz und dann erzählt er die Geschichte von der jungen Frau, die eine der in Europa populären Reality-Soaps im Fernsehen gesehen hatte, sich gleich aufmachte ins vermeintliche Paradies und heute in Kapstadt auf der Straße lebt. „Hier wartet keiner auf dich und bietet dir eine gut bezahlte Arbeit.“
 
In der Tat: Südafrika hat selbst genug Probleme. Knapp ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung gilt als arbeitslos und selbst von denen, die Arbeit haben, leben gut ein Dritte unterhalb der Armutsgrenze. Vierzehn Jahre nach dem Ende der Apartheid ist das Land weit davon entfernt, alle Rassengrenzen überwunden zu haben, und hochrangige Politiker rufen offen zum bewaffneten Kampf gegen die ehemaligen Unterdrücker auf. Die politische und ökonomische Zukunft ist ungewiss und laut einer kürzlich veröffentlichten Umfrage denken ein Drittel der Bessergestellten darüber nach, das Land zu verlassen.
 
Andrea und Moritz Konrad jedoch kümmert das alles wenig. „Wenn wir hart arbeiten“, sagen sie, „können wir unseren Traum leben.“
 
Mögen muss man sich allerdings und Vertrauen zueinander haben. Die beiden kannten sich gerade mal ein halbes Jahr, als Andrea ihren anderen Lebenstraum aufgab und auf den begehrten Medizinstudienplatz in München verzichtete und auch Moritz machte anfänglich Zugeständnisse: Monatelang waren die beiden als Wanderer zwischen den Welten mal hier mal da zuhause bevor sie den großen Schritt machten. Bereut haben sie es nie.
 
„Wir leben hier zwar ziemlich abgeschieden“, sagt Moritz, „aber wir fühlen uns nicht einsam.“ Sie lernen mehr Menschen kennen, als früher in der großen Stadt, und die Kontakte sind intensiver. Man hilft sich gegenseitig und hat gemeinsame Themen. Und für die Kontakte zur Familie und den alten Freunden gibt es schließlich das Internet. Wenn es gerade mal funktioniert. Für die Verbindung zur Außenwelt sind Relaisstationen erforderlich, und die werden mit Solarzellen betrieben. Diese wiederum werden regelmäßig gestohlen.
 
„Es ist nicht immer einfach“, sagt Moritz, „aber das ist unser Leben, unser eigenes Leben.“ Und heute ist ein schöner Tag, Milliarden bunter Blumen kündigen das Ende des Winters an und Webervögel bauen ihre kunstvollen Nester in die Weide am Teich hinter dem alten Haus. Allein für diesen Augenblick lohnt es sich zu leben. Zurück in das alte, geregelte Leben? Niemals!