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Der König der Batwa ist nicht zu Hause
Vom Ausverkauf einer sterbenden Kultur 

Etwa 150.000 bis 200.000 Pygmäen leben heute noch in Zentralafrika. Sie sind bedroht durch die fortschreitende Umgestaltung und Zerstörung der Regenwälder, ihres traditionellen Lebensraums. Vielerorts versucht man, sie in die moderne Gesellschaft zu integrieren. Oft mit zweifelhaftem Erfolg.

Batwa

Das ganze Tal dampft. Es sind nicht nur die heißen Quellen von Sempaya, die man von hier oben dampfen sehen kann. Immer wieder gibt auch eine Lücke im dichten Blätterwald den Blick frei auf die unendlichen Weiten des Kongobeckens mit seinem undurchdringlichen Dschungel. Und da brennt jetzt die Tropensonne drauf.
 
 
Irgendwo dort sind sie eigentlich zuhause, die Pygmäen vom Volk der Batwa, aber jetzt wohnen sie da unten in einer trostlosen Siedlung aus Stroh und Lehm und Wellblechdächern, und viele der Menschen in dem neuen Dorf können sich kaum noch erinnern an die traditionellen Hütten aus Sorghumhalmen und getrockneten Bananenblättern, in denen sie früher lebten.
 
Wir sind unterwegs am Nordrand des Ruwenzori-Gebirges im Westen Ugandas unweit der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo und besuchen eines der vielen Projekte in der Region, in denen man versucht, Pygmäen in die moderne Gesellschaft zu integrieren. Vor dem Bürgerkrieg im Kongo habe man sie retten müssen und vor den wilden Tieren, „und überhaupt sind sie schließlich auch Menschen", erklärt uns Sam, der Manager des Projekts. „Und außerdem, wo die gewohnt haben, das war so weit draußen im Wald, da wären ja gar keine Touristen hingekommen."
 
Sam hat eine Sekretärin zur Seite. Sie sitzt in einem gemauerten Haus neben der Piste. Vor der Tür steht ein Notstromaggregat, daneben auf einem Hocker ein Telefon und drinnen ein Computer. Das ist das Büro des Königs der Batwa. Hier wird jeder Besucher erfasst. Der Letzte vor uns war vor zehn Tagen da. Doch der König der Batwa ist nicht zuhause.
 
Die Erwachsenen im Dorf sind wirklich erstaunlich klein, reichen uns kaum bis zur Brust. Die vielen Kinder aber sind fast so groß wie ihre Mütter. "Das sind Mischlingskinder", erläutert Sam. "Die hier lebende Bevölkerung glaubt, Sex mit einer Pygmäenfrau heile alle Leiden."
 
Zwar zieren zahlreiche Plakate die Wände des Büros, die den Zusammenhang zwischen ungeschütztem Geschlechtsverkehr und Aids erläutern, aber wir finden keines, das über die Unsinnigkeit eines solchen Aberglaubens aufklärt. "Aber die Pygmäen hier sind gut integriert“, erklärt Sam. „Sie werden von den anderen beiden Ethnien in dieser Gegend akzeptiert und nicht mehr diskriminiert wie früher im Wald. Sie sind glücklich, dass wir sie gerettet haben."
 
Feduel ist Anfang zwanzig und vielleicht 1,40 Meter groß. Er schielt stark wie viele Menschen hier im Dorf. Er hat ein abgewetztes hellgrünes T-Shirt an und eine zerlumpte Hose. Schuhe trägt Feduel nicht und auch nicht den Federschmuck seiner Väter. Stolz zeigt er uns seine Hütte: "Weiße Männer aus der EU haben die gebaut", erklärt er. Für eine Antwort auf die Frage, in was für einem Haus er denn früher gelebt und wer das denn gebaut habe, reicht angeblich sein Englisch nicht. Dafür schon: "1985 sind wir aus dem Kongo gekommen. Da war Krieg. Da haben wir uns im Bwamba-Wald niedergelassen. 1995 hat man uns da raus geholt. Ist schließlich ein Nationalpark, und da dürfen nur Tiere wohnen."
 
Schön, wie er wiedergeben kann, was man ihm beigebracht hat. Die Pygmäen benutzen keinen Kalender und zeichnen ihre Geschichte nicht auf, und die Worte, die Feduel wählt, klingen wie die des Managers: "Ich bin froh, dass wir da raus sind aus dem Wald", sagt er und fügt hinzu, "ich hasse wilde Tiere". Er verschwindet kurz im Dunkel seiner EU-Hütte und kommt mit einer primitiven Schlagwaffe zurück. "Das habe ich von meinem Vater, damit konnte der sogar Elefanten töten. Könnt Ihr kaufen, wenn ihr wollt. Ich brauche das Ding ja nicht mehr."
 
Feduels Eltern lebten als Jäger und Sammler in den Wäldern Zentralafrikas. Heute werden die Menschen als billige Arbeitskräfte in der Landwirtschaft oder als Haushaltshilfen eingesetzt oder fristen ihr karges Dasein mit dem Verkauf traditioneller Waffen oder kunsthandwerklicher Gegenstände an den gelegentlichen Touristen. Vielen gelingt es nicht, in der neuen Welt Fuß zu fassen. Infektionskrankheiten und Alkoholismus sind weit verbreitet.
 
Feduel grüßt artig, steht auf und reiht sich ein in die kleine Gruppe von Dorfbewohnern, die jetzt auf dem staubigen Platz ein Tänzchen aufführt. Etwas verloren sieht er aus, als er zu den Trommelklängen seine Runden dreht, und das Lied der Alten klingt wie ein Abgesang auf die alten Werte, wie das Lied vom Ausverkauf einer sterbenden Kultur.
 
Und der König der Batwa? Der ist nicht zuhause. Er ist nicht mehr zuhause in den Wäldern von Bwamba. Aber auch in seinem Büro ist er nicht. Der König der Batwa ist in Kampala. Dort besucht er ein Seminar. Da soll er lernen, wie moderne Zivilisation funktioniert.