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Ein Kontinent stirbt – AIDS in Afrika

Die Seuche breitet sich aus wie die Pest im Mittelalter. Ganze Landstriche werden entvölkert. Aids zerstört Familien, ruiniert Sozialsysteme, lässt Volkswirtschaften kollabieren. Der Kampf gegen das HI-Virus ist für den Kontinent überlebensnotwendig. Doch weite Teile der Bevölkerung vertrauen dubiosen Heilern und die Ignoranz vieler Politiker und das Festhalten der Kirche an ihrer restriktiven Lehre ist mitverantwortlich für Millionen Tote.

Diana ist 26. Sie lebt in Khayelitsha, einem schwarzen Ghetto vor den Toren von Kapstadt in Südafrika. Noch. Viele ihrer Freunde sind schon lange tot.
 
Diana sieht müde aus. Müde und abgemagert. Das ist schlecht fürs Geschäft. „Afrikanische Männer wollen fette Frauen“, sagt sie, „nicht solche Vogelscheuchen wie mich.“
 
Diana hat AIDS. Wie Millionen andere in Afrika. Schon als Kind wurde sie verkauft. Ihr erster Kunde war ihr Vater.
 
„Und sie sterben wie die Fliegen“. Das sagt eine, die es wissen muss. Silvia ist Krankenschwester und von Anfang an dabei. „Aids ist überall“, sagt sie, „wir müssen endlich handeln. Und wir brauchen nicht nur Geld und Pillen. Wir brauchen bessere Schulen, wir brauchen mehr qualifiziertes Personal vor Ort, wir brauchen eine andere Gesellschaft.“
 
Aids ist dabei, ganze Landstriche zu entvölkern. Besonders das südliche Afrika ist betroffen und hier vor allem die sexuell und ökonomisch aktivste Gruppe der 15- bis 49-Jährigen. In Südafrika etwa gelten 21,5 Prozent dieser Altersgruppe als infiziert - etwa eintausend Menschen sterben Tag für Tag an AIDS - in den benachbarten Ländern sind Statistiken zufolge bis zu 39 Prozent mit dem Virus infiziert (Zum Vergleich: In Deutschland waren in 2007 etwa 59.000 Menschen HIV-infiziert. Das entspricht einer Infektionsrate von etwa 0,072 Prozent der Gesamtbevölkerung).

Aidswaisen werden zu Straßenkindern

Die durchschnittliche Lebenserwartung in der Region hier ist in den vergangenen 15 Jahren um mehr als 20 Jahre gesunken und liegt heute zum Teil bei weit unter 40 Jahren. Jedes fünfte Kind wächst ohne Eltern auf und obdachlose Kinder, so genannte Streetkids, gehören in vielen afrikanischen Städten zum gewohnten Bild. Aids zerstört Familien, ruiniert Sozialsysteme, lässt ganze Volkswirtschaften kollabieren.
 
Ashraf Mohammed will das verhindern. Er ist Leiter der HIV/Aids Unit an der Cape Peninsula University of Technology in Kapstadt. Die Einheit betreut etwa 28.000 Studenten und Mitarbeiter an allen Universitäten der Stadt und unterhält Kontakte zu ähnlichen Einrichtungen und Forschungsinstituten in aller Welt. „Wir haben verstanden“, erklärt Ashraf, „wir haben es hier nicht mit Zahlen zu tun. Es geht um Menschen. Wir müssen die Ursachen und Hintergründe begreifen“
 
Die Ursachen sind vielfältig. Für Ashraf stehen Aberglaube und überkommene Vorstellungen, sexuelle Gewalt und mangelnde Bildung im Vordergrund. Sexualkontakte mit häufig wechselnden Partnern sind üblich, Prostitution weit verbreitet – viele afrikanische Männer versuchen als Wanderarbeiter ihre Familien zu ernähren und leben so oft monatelang von ihren Frauen getrennt.
 
Und Südafrika führt weltweit die Vergewaltigungsstatistiken an. In einer Umfrage gaben mehr als ein Viertel der befragten Frauen an, mindestens einmal in ihrem Leben zu sexuellen Handlungen gezwungen worden zu sein, die meisten Frauen in Afrika haben auch in festen Beziehungen nicht die Macht, sich zu verweigern oder auch nur auf den Gebrauch von Kondomen zu bestehen. Einer der Studenten, die Ashraf erreichen will, sagt, er habe vor der Ausbildung durch die Betreuer an der Universität nichts Schlechtes daran erkennen können, seine Partnerin zu schlagen.

Dubiose Heiler

Testosteronstrotzende Machos zwingen ihre Frauen, ihre Scheide mit Baumrinde oder Papier, Kräutern oder mysteriösen Mixturen zu trocknen, um sich selbst einen Lustgewinn zu verschaffen, und nehmen schulterzuckend in Kauf, das Objekt der Begierde beim Sex zu verletzen und damit das Risiko einer Übertragung des Virus drastisch zu erhöhen. Traditionelle Heiler empfehlen Sex mit einem Kleinkind oder einer Jungfrau als Therapie gegen Aids oder ordnen an, die Witwe eines Aidsopfers zu vergewaltigen, um böse Geister zu vertreiben.
 
Zudem kursieren die bizarrsten Verschwörungstheorien: Der Westen habe das Virus zu militärischen Zwecken entwickelt und wolle es nun in Afrika testen, oder, noch perfider, Kondome würden mit Viren beschichtet, um die schwarze Bevölkerung auszurotten.
 
Die grassierende Armut - weit mehr als die Hälfte der Menschen in den besonders betroffenen Gebieten lebt unterhalb der Armutsgrenze - häufig verbunden mit fehlender Bildung, verschärft die Situation zusätzlich. Da infizieren sich Menschen absichtlich gegenseitig mit dem Virus, nur um die paar Franken an Unterstützung zu erhalten, die der Staat jedem Betroffenen gewährt, dessen Laborwerte anzeigen, dass sein Immunsystem sich in einem therapiebedürftigen Zustand befindet. Bessern sich die Blutwerte nun unter Therapie werden die Zahlungen eingestellt. Das wiederum veranlasst die Betroffenen die Therapie zu beenden, um einen erneuten Ausbruch der Krankheit zu provozieren und wieder Unterstützung beantragen zu können.
 
Immer noch werden Säuglinge beim Stillen infiziert, obwohl der Staat Südafrika seit einiger Zeit infizierten Müttern kostenlose Babynahrung zur Verfügung stellt. Die aber wird häufig verkauft, an die übrigen Kinder verfüttert oder aber schlicht abgelehnt, weil tradierte Normen die betroffenen Mütter zum Stillen zwingen.
 
„Man sieht, wie wichtig Aufklärung ist“, meint Ashraf. „Aber wir erreichen diese Bevölkerungsgruppen nicht.“ Ashraf und sein Team arbeitet mit Studenten, einer intellektuellen Elite. Und obwohl der Staat in seinem jüngsten Bericht über Fortschritte im Kampf gegen HIV/Aids angibt, das Thema fest in den Lehrplan an allgemeinbildenden Schulen integriert zu haben und alle Schüler zu erreichen, sind selbst bei Studenten kaum die elementarsten Grundkenntnisse vorhanden.

Kondome für die Banane

In den Townships und auf dem Land, wo viele Menschen weder lesen noch schreiben können und in traditionellen Vorstellungswelten leben, wo die Logik anderen Gesetzen folgt und den meisten nicht einmal zu vermitteln ist, was ein Virus überhaupt ist, kommen kaum zu überwindende Probleme hinzu. Etwas Unsichtbares, was eine Krankheit verursacht, kann hier nur ein böser Geist sein: Da beklagt sich etwa eine junge Mutter bei einem Gesundheitsarbeiter, sie sei erneut ungewollt schwanger geworden, obwohl sie, genau so wie sie es in der Aufklärungsstunde gelernt habe, bei jedem Geschlechtsverkehr ein Kondom über eine Banane gezogen und diese dann neben dem Matratzenlager aufgestellt habe. „Der Staat“, meint Ashraf, „hat offenbar den Ernst der Lage noch immer nicht erkannt. Es fehlt der politische Wille, etwas zu tun oder auch nur Organisationen wie unsere zu unterstützen.“
 
In der Tat: Die Bemühungen der Helfer gleichen einem Kampf gegen Windmühlen. Thabo Mbeki, Präsident der Republik Südafrika, bezweifelt nach wie vor den Zusammenhang zwischen HIV und Aids und Jacob Zuma, Vorsitzender der Regierungspartei ANC und Mbekis designierter Nachfolger als Präsident, übertrifft die Ignoranz noch um Längen. Der „wohl prominentesten Polygamist“, wie ihn eine Tageszeitung betitelte - er ist mit mehreren Frauen gleichzeitig verheiratet und hat mindestens 14 Kinder - sorgte weltweit für Aufsehen, als er in einem Prozess wegen Vergewaltigung zu Protokoll gab, eine Gefahr, sich mit HIV zu infizieren habe nicht bestanden - schließlich habe er nach dem Verkehr geduscht.
 
Manto Tshabalala-Msimang, Ärztin und Gesundheitsministerin des Landes empfiehlt Rote Beete, Knoblauch und Olivenöl zur Aids-Therapie und es bedurfte eines Urteils des Verfassungsgerichts, um die Regierung von Südafrika zur Zulassung der erwiesenermaßen wirksamen antiretroviralen Medikamente zu zwingen.
 
Auch in anderen Ländern der Region ist keinerlei Konzept bei der Bekämpfung der Pandemie zu erkennen. Mswati III, König des Zwergstaats Swasiland und Ehemann ungezählter Frauen, zwingt jedes Jahr im Rahmen eines großen Zeremoniells mindestens eine weitere Jungfrau in seinen Harem. Fast alle Untersuchungen weisen etwa 39 Prozent der sexuell aktiven Bevölkerung seines Landes als HIV-infiziert aus - ein trauriger Weltrekord. Seine Majestät indessen zeigt sich optimistisch und als im Juli 2007 eine Studie veröffentlicht wird, die unter Verwendung anderer statistischer Methoden auf „nur“ 26% kommt, bringt er seine Zufriedenheit zum Ausdruck, lobt die Bevölkerung wegen ihrer „Fortschritte im Kampf gegen die Seuche“ und lässt haushohe Plakatwände aufstellen, auf denen steht: „Die Kirche kann den Unterschied ausmachen im Kampf gegen HIV/Aids. Deine Kirche kann die Nation retten“.

Kirche bezeichnet Infizierte als Sünder

Stefan Hippler ist da anderer Meinung. Seit vielen Jahren ist er Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Kapstadt und macht die Kirche mitverantwortlich für die Situation. In dem Buch „Gott, Aids, Afrika“, das er zusammen mit Bartholomäus Grill, dem langjährigen Afrikakorrespondenten der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“, im vergangenen Jahr veröffentlichte, kritisiert er die Führung der katholischen Kirche wegen ihrer Haltung zur Empfängnisverhütung und spricht von einer „strukturellen Sünde“. Infizierte würden implizit als Sünder bezeichnet und die Kirche setze „Menschen, die diese Lehre befolgen, dem Risiko aus, sich mit einem tödlichen Virus zu infizieren“. Die katholische Kirche müsse ihre restriktive Lehre endlich der modernen Wirklichkeit anpassen und könne dann „als größte globale Institution wie keine andere gegen die HIV/Aids-Pandemie kämpfen“.
 
Viele Menschen in den Townships bezeichnen Sex als ihre einzige kleine Freude, die Kirche jedoch predigt Enthaltsamkeit und erst kürzlich bekräftigte Papst Benedikt XVI. die uneingeschränkte Gültigkeit der Enzyklika „Humane Vitae“, die jeglichen Gebrauch von Verhütungsmitteln verbietet. „Die Kirche“, so Hippler, „ist vom Virus infiziert“.

Studenten als Sexualerzieher

Ashraf Mohammed sitzt in seinem vollgestopften kleinen Büro und spricht immer schneller: „Wir haben die Konzepte und draußen stirbt der Kontinent“. Noch mehr Aufmerksamkeit will er schaffen, Gespräche mit Betroffenen und Hospizbesuche stehen auf dem Programm und auf den Campus wurde ein „Dome of Remembrance“ aufgebaut, in dem jedem an Aids verstorbenen Studenten mit einer kleinen Plakette gedacht wird. Das Thema soll integraler Bestandteil aller Studiengänge werden, der Gewalt müsse begegnet werden, Männer müssten ihre Rolle neu definieren und sich mehr als Partner denn als Herrscher in einer Beziehung verstehen lernen. Dazu werden Workshops veranstaltet und Studenten zu Sexualerziehern ausgebildet. An Aids erkrankte Gleichaltrige werden eingesetzt, um Neuinfizierte aufzufangen, zu beraten und ihnen zum Vorbild zu werden.
 
Einer von denen heißt Marius Harmsen. Er bewegt sich ungelenk und stützt sich auf eine Gehhilfe. In seinem Gebiss fehlen einige Zähne und an seinem hageren Hals sind deutlich stark vergrößerte Lymphknoten zu erkennen. „Mir geht es bestens“, sagt er und ein Lächeln strafft seine eingefallenen Wangen. „Ich war schon mehrmals beinahe tot“. Marius ist 35 Jahre alt und kennt seine Diagnose seit fünf Jahren. „Zuerst habe ich es nicht wahrhaben wollen und habe mich mehrfach testen lassen“, erzählt er, „letztlich habe ich aber gelernt, es zu akzeptieren und als Chance zu begreifen“. Er greift in seine Hosentasche, holt ein Pillendöschen hervor und schüttet den Inhalt auf seine Handfläche: „Diese Tabletten haben mich wieder gesund gemacht. Das Entscheidende aber ist die Einstellung“. Früher habe er Alkohol und Drogen konsumiert, das Leben sei an ihm vorbei gezogen. „Heute aber“, meint er, „empfinde ich jeden Tag als ein Geschenk. Das Leben fängt mit Aids erst an“.