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„Ich lasse mir das Denken nicht verbieten“
Ein katholischer Priester kämpft gegen Aids in Afrika

Es gibt nicht viele Gründe, optimistisch zu sein, wenn man sein Leben dem Kampf gegen Aids in Afrika verschrieben hat. Und noch weniger, wenn man dabei auf die Hilfe der katholischen Kirche baut. Der katholische Pfarrer Stefan Hippler aber nennt sich selbst einen „unverbesserlichen Optimisten“, vertraut auf Gott und lässt sich das Denken nicht verbieten. Am 1. November 2008 wird ihm in Dresden der Erich-Kästner-Preis übergeben.

Stefan Hippler in seinem Büro in Kapstadt

Stefan Hippler ist Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Kapstadt, und wenn er gerade nicht auf der Kanzel steht, trägt der achtundvierzigjährige am liebsten schwarze Jeans und ausgefallene schwarze Hemden, und die verspiegelte Sonnenbrille auf der Stirn ist sein Markenzeichen. Ein Querdenker ist er schon immer gewesen. Geboren und aufgewachsen in Bitburg, studierte er Theologie in Trier und schon während der Zeit als junger Kaplan in Münster-Sarmsheim engagierte er sich – „sehr zum Leidwesen“ seines bischöflichen Personalchefs, wie er heute sagt – intensiv in der Friedensbewegung, nahm an Sitzblockaden vor amerikanischen Atomwaffendepots teil und baute später als Vikar in Andernach seine Gemeinde „zu einem Hort des spirituellen Widerstands“ gegen den ersten Golfkrieg aus.
Bald merkte er, dass er „vom wirklichen Leben keine Ahnung“ hatte, ließ sich beurlauben, lernte bei McDonald´s Hamburger zuzubereiten, erntete Mandeln auf einer spanischen Finca, arbeitete als Pflegehelfer im Saarland mit Krebspatienten im Finalstadium und kümmerte sich später um Flüchtlinge in Kroatien. Die Betreuung gestrandeter Asylsuchender am Frankfurter Flughafen schließlich markierte einen Wendepunkt in seinem Leben: „In dieser Zeit wurden mein Menschenbild und damit auch mein Gottesbild auf eine harte Probe gestellt“, sagt Hippler. „Im Nachhinein aber bin ich für alle diese Erfahrungen dankbar – ich wäre heute nicht der, der ich bin.“
1997 kehrte er in den pastoralen Dienst zurück und wurde von der deutschen Bischofskonferenz als Auslandsseelsorger nach Kapstadt entsandt. Dort arbeitet er noch heute. Neben der Pfarrarbeit waren ihm von Anfang an soziale Aktivitäten wichtig und bald rückte ein Thema in den Mittelpunkt, das ihn nicht mehr loslassen sollte: Aids und die verheerenden Folgen. „Es zwingt mich in die Knie“, sagt Hippler, „wenn ich am Totenbett eines Kindes sitzen muss.“ Aber Hippler versuchte, die Emotionen außen vor zu lassen, strukturierte das Problem, suchte Partner, und im Oktober 2001 wurde das Projekt HOPE (HIV Outreach Program and Education) aus der Taufe gehoben. Die Organisation kümmert sich um HIV-infizierte Kinder und deren Familien, arbeitet mit medizinischen Ambulanzen und traditionellen Heilern in den schwarzen Townships zusammen und klärt die Menschen vor Ort über Ursachen und Folgen von Aids auf.
„Das erste halbe Jahr war ein Alptraum“, sagt Hippler. Sein Glaube habe ihm geholfen, weiter zu machen. Einen Rückhalt in der Kirche aber vermisse er leider nach wie vor. „Die Kirche“, so Hippler, „gibt keine Antworten auf diese fundamentale Herausforderung.“ In der Streitschrift „Gott, Aids, Afrika“, die er gemeinsam mit dem langjährigen Afrikakorrespondenten Bartholomäus Grill im vergangenen Jahr veröffentlichte, wird er noch sehr viel deutlicher: Er kritisiert die Führung der katholischen Kirche vor allem wegen ihrer Haltung zur Empfängnisverhütung und spricht von einer „strukturellen Sünde“. Infizierte würden implizit als Sünder bezeichnet, und die Kirche setze „Menschen, die diese Lehre befolgen, dem Risiko aus, sich mit einem tödlichen Virus zu infizieren.“ Die katholische Kirche müsse ihre restriktive Lehre endlich der modernen Wirklichkeit anpassen und könne dann „als größte globale Institution wie keine andere gegen die Aids-Pandemie kämpfen.“
Viele Menschen in den Townships bezeichnen Sex als ihre einzige kleine Freude, die Kirche jedoch predigt Enthaltsamkeit, und erst kürzlich bekräftigte Papst Benedikt XVI. die uneingeschränkte Gültigkeit der Enzyklika „Humane Vitae“, die jeglichen Gebrauch von Verhütungsmitteln verbietet. „Die Kirche“, so Hippler, „der Leib Christi, ist vom Virus infiziert und es gibt in diesem Leib nur Leidende und Mit-Leidende.“
Hippler will das ändern. „Es geht um eine Weiterentwicklung der Theologie“, sagt er, „wir müssen unsere Sexualmoral überdenken.“

Hippler wehrt sich gegen die Klischees, die mit seiner Person verbunden sind. „Ich bin weder Rebell noch Opfer“, stellt er klar. „Ich habe ein Drama gesehen, und das hat was mit mir gemacht. Das muss sich auswirken auf das, was wir Theologie nennen.“ Das zu erreichen sei seine Aufgabe als Mensch und Priester. „Ich bin ich“, sagt Hippler, „und ich folge meinem Gewissen und mache das, was ich für richtig halte.“

Für sein unermüdliches und unerschrockenes Engagement wird Hippler viel Anerkennung gezollt. Politiker, Forscher und Filmemacher geben sich in Kapstadt die Klinke in die Hand. Mehrere Auszeichnungen hat er schon erhalten und am 2. November 2008 wird ihm der „Erich-Kästner-Preis“ übergeben. Am Vorabend findet in Dresden die 3. HOPE-Gala statt. Geraldine Chapman und Mario Adorf, Nana Mouskouri und Udo Lindenberg haben sich angesagt. „Eine ganz große Kiste“, sagt Hippler. „Dabei bin ich doch eigentlich nur ein kleiner Pfarrer.“