logo hinter-dem-horizont.net

hinter-dem-horizont.net

durch afrika | reportagen | bilder | informationen

Stefan Hippler und HOPE Capetown

Stefan Hippler in seinem Büro in Kapstatdt

“Es gibt eine göttliche Gerechtigkeit”, sagt Stefan Hippler und er liest aus dem Matthäus-Evangelium: “Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein“ Die Gerechtigkeit, die er meint, unterscheidet nicht zwischen arm und reich, bewertet Menschen nicht nach Leistung. Hippler spricht laut und deutlich, ist ungeheuer präsent. Man spürt es physisch: Seine Botschaft ist ihm wichtig. Jedem Einzelnen, der sich an diesem sonnigen Sonntagmorgen zum Gottesdienst im Nazareth House in Kapstadt eingefunden hat, scheint er in diesem Moment direkt in die Augen zu schauen, jeder einzelne ist aufgefordert, seinen Teil beizutragen zum Aufbau einer gerechteren Welt.
 
Stefan Hippler ist Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Kapstadt und wenn er gerade nicht auf der Kanzel steht trägt der 48jährige am liebsten schwarze Jeans und ausgefallene schwarze Hemden und die verspiegelte Sonnenbrille auf der Stirn ist sein Markenzeichen. Er ist ein offener Mensch, einer, in dessen Gegenwart man sich gleich wohl fühlt, er lacht viel und verbreitet Optimismus – Hoffnung eben, weit entfernt  von missionarischem Eifer.  „Zufällig“, erzählt er, sei er Theologe geworden und nachdem er 1986 zum Priester geweiht worden sei, sei ihm schnell klar geworden, dass er zu wenig wusste von der Welt, um seiner Aufgabe als Seelsorger gerecht zu werden. Er lies sich beurlauben, lernte bei McDonalds Hamburger zuzubereiten, arbeitete auf einer spanischen Finca, betreute im Saarland Krebspatienten im Finalstadium und später Flüchtlinge in Kroatien und kümmerte sich schließlich am Frankfurter Flughafen um gestrandete Asylsuchende.  1997 kehrte er  in den pastoralen Dienst zurück und wurde von der deutschen Bischofskonferenz als Auslandsseelsorger in die Gemeinde Kapstadt entsandt. Neben der Pfarrarbeit waren ihm dort vor allem soziale Aktivitäten wichtig, Begegnungen mit den Gemeinden in den schwarzen Townships, Partnerschaften und Entwicklungsprojekte mit Menschen, die auch im neuen demokratischen Südafrika benachteiligt waren. Und schon bald rückte ein Thema in den Mittelpunkt, das ihn nicht mehr loslassen sollte: HIV / Aids und die verheerenden Folgen.
 
Zu dieser Zeit, Ende der 1990er Jahre, beginnt man in Südafrika gerade damit, Statistiken zu erstellen, und die Zahlen sind schockierend: Jedes dritte Kind, das in ein Krankenhaus aufgenommen wird, ist HIV-positiv. Viele dieser Kinder wachsen als Aids-Waisen ohne Bezugsperson auf, abgeschoben von einer Gesellschaft, die nichts über die Ursachen der Seuche weiß und Betroffene stigmatisiert. In den Krankenhäusern und Ambulanzen mangelt es an Personal, Fachkenntnisse sind kaum vorhanden und infizierte Kinder werden häufig isoliert, oder –  ebenso fatal – mit Kindern, die unter anderen schweren Infektionskrankheiten leiden, ins gleiche Bett gelegt. Es existieren einzelne Projekte, die sich dem Kampf gegen die Pandemie verschrieben haben, aber keinerlei organisierte Strukturen. Mit Thabo Mbeki ist ein Mann im Präsidentenamt der Republik Südafrika, der den Zusammenhang zwischen HIV und Aids bestreitet, die Gesundheitsministerin Manto Tshabalala-Msimang empfiehlt Rote Beete, Knoblauch und Olivenöl zur Aids-Therapie und es soll noch Jahre dauern, bis die Regierung von Südafrika  schließlich durch ein Urteil des Verfassungsgerichts zur Zulassung der erwiesenermaßen wirksamen antiretroviralen Medikamente gezwungen wird. Die Probleme scheinen kaum überwindbar.
„Aber es zwingt mich in die Knie“, sagt Hippler, „wenn ich am Totenbett eines Kindes sitzen muss. Da lässt mich die Vorstellung nicht los, dass man hätte helfen können. Und schließlich gilt“, er zitiert ein jüdisches Sprichwort, „Rette einen Menschen und du rettest die ganze Welt“ Hippler versucht, die Emotionen außen vor zu lassen, strukturiert das Problem, findet schließlich das Akademische Kinderkrankenhaus Tygerberg, die Medizinische Fakultät der Universität Stellenbosch und den Rotary Club Signal Hill als potente Partner und holt spätre das Gesundheitsministerium der Kapprovinz, die Stadtverwaltung Kapstadt, das Forschungszentrum Kid CRU am Tygerberghospital und die Deutsche Aids-Stiftung mit ins Boot. Im Oktober 2001 wird das Projekt HOPE (HIV Outreach Program and Education) aus der Taufe gehoben. „Der Grundgedanke ist“, sagt Hippler, „dass alle – Kirchen, Politiker, Gemeinden, aber auch die Betroffenen selbst – in die Pflicht genommen werden.“ So wird HOPE die erste Nichtregierungsorganisation in Südafrika mit einem eigenen Büro in einem staatlichen Krankenhaus und die erste Organisation, die durchsetzt, dass mit jedem Kind eine Bezugsperson im Krankenhaus aufgenommen wird.
Aber es geht nicht nur um die medizinische Versorgung der kleinen Patienten. Es geht darum, zu verhindern, dass sich weiterhin allein in Südafrika bis zu 2000 Menschen pro Tag mit dem Virus infizieren. Da gilt es, vor allem die besonders betroffenen unterprivilegierten Menschen in den Townships zu erreichen. Da gilt es, Kulturbarrieren zu überwinden, überkommene Vorstellungen zu thematisieren, Berührungsängste abzubauen und auch ganz konkret den Gebrauch von Kondomen zu demonstrieren. Traditionelle Heiler sind für die weitaus meisten Menschen hier immer noch die ersten Ansprechpartner bei gesundheitlichen Problemen und unter denen befindet sich so mancher selbsternannte Heilsbringer, der zum Beispiel behauptet, Sex mit einem Kleinkind oder einer Jungfrau könne Aids heilen. Also sucht man in Workshops Kontakt zu den afrikanischen Medizinmännern, veranstaltet maßgeschneiderte Seminare zum Thema Prävention, arbeitet eng mit den Ambulanzen in den Townships zusammen und bildet „ganz gewöhnliche Leute“ aus den Townships zu Gesundheitsarbeiter aus. Diese leisten Aufklärungsarbeit in den Gemeinden, überwachen die Einnahme der Aidsmedikamente und  betreuen heute etwa  450.000 Betroffene.
„Das erste halbe Jahr war ein Alptraum“, sagt Hippler. Häufig musste man, kaum hatte man einen Spender gefunden, der eine Patenschaft für eines der betroffenen Kinder übernahm, schon dessen Tod vermelden. Und „Kinder sterben zu sehen“, meint Hippler, „wird nie zur Routine. Es gibt immer eine Betroffenheit, immer eine Wut, die immer wieder aufflammt“. Sein Glaube habe ihm geholfen, weiter zu machen, einen Rückhalt in der Kirche aber vermisse er leider nach wie vor. „Die Kirche“, so Hippler, „gibt keine Antworten auf diese fundamentale Herausforderung“. Bisher seien lediglich ein paar vorsichtige Schlüsse aus dem Fundus der Lehre abgeleitet worden“, die aber „geben einem Seelsorger nicht das geistige Rüstzeug zur Hand, das er so dringend bräuchte, sondern treiben ihn eher in Gewissensnöte“.
In der Streitschrift „Gott, Aids, Afrika“, das er zusammen mit Bartholomäus Grill, dem langjährigen Afrikakorrespondenten der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“, im vergangenen Jahr veröffentlichte,  wird er noch sehr viel deutlicher: Er kritisiert die Führung der katholischen Kirche vor allem wegen ihrer Haltung zur Empfängnisverhütung und spricht von einer „strukturellen Sünde“. Infizierte würden implizit als Sünder bezeichnet und die Kirche setze „Menschen, die diese Lehre befolgen, dem Risiko aus, sich mit einem tödlichen Virus zu infizieren“. Die katholische Kirche müsse ihre restriktive Lehre endlich der modernen Wirklichkeit anpassen und könne dann „als größte globale Institution wie keine andere gegen die HIV/Aids-Pandemie kämpfen“.
 
Viele Menschen in den Townships bezeichnen Sex als ihre einzige kleine Freude, die Kirche jedoch predigt Enthaltsamkeit und erst kürzlich bekräftigte Papst Benedikt XVI. die uneingeschränkte Gültigkeit der Enzyklika „Humane Vitae“, die jeglichen Gebrauch von Verhütungsmitteln verbietet. „Die Kirche“, so Hippler, „der Leib Christi, ist vom Virus infiziert und es gibt in diesem Leib nur Leidende und Mit-Leidende“.
Hippler will das ändern. Es geht um eine Weiterentwicklung der  Theologie“, sagt er, „wir müssen unsere Sexualmoral überdenken.“ Deshalb hat er Papst Benedikt ein Exemplar nach Rom gesendet – und wartet nach wie vor auf eine Antwort. „Das dauert beim Papst immer etwas länger.“
Reaktionen der Kirche indes gibt es sehr wohl. „Ein Aufschrei“ sei durch die Führungsriege der katholischen Kirche in Deutschland gegangen, kann man nach Veröffentlichung des Buchs in der Presse lesen, von einem „Aids-Rebellen“ ist die Rede und die Deutsche Bischofkonferenz habe Hippler einen „Maulkorb verpasst“ und ihm eine geplante Lesereise zur Vorstellung seines Buchs untersagt. „Das habe ich auch gelesen“, lacht Hippler und sucht nach treffenden Worten: Ein Gespräch habe es gegeben und er sei gebeten worden, etwas vorsichtiger zu sein mit der Kritik an kirchlichen Amtsträgern, er habe aber aus eigener Entscheidung die geplante Lesereise nicht angetreten.
Hippler wehrt sich gegen die Klischees,  die mit seiner Person verbunden werden.  „Ich bin weder Rebell noch Opfer“, stellt er klar. „Ich habe ein Drama gesehen und das hat was mit mir gemacht. Das muss sic auswirken auf das, was wir Theologie nennen.“ Das zu erreichen sei seine Aufgabe als Mensch und Priester. „Ich bin ich“, sagt Hippler,  „und ich folge meinem Gewissen und mache das, was ich für richtig halte.“
 
Für sein unermüdliches und unerschrockenes Engagement wird Hippler viel Anerkennung gezollt. Ex-Außenminister Joschka Fischer  und Bundesgesundheitsministerin und Bundestagspräsidentin a.D. Rita Süssmuth waren schon bei ihm zu Gast, Bundeskanzlerin Angela Merkel ermunterte ihn und sein Team in einem Dankesbrief nach ihrem Besuch im vergangenen Jahr, „die exzellente Arbeit fortzusetzen“ und selbst Nelson Mandela, Nobelpreisträger und „Gewissen der Nation“  (Hippler) unterstützt ihn bei seiner Arbeit. 2005 wurde er mit dem Paul-Harris-Fellow-Preis von Rotary International ausgezeichnet und nahm im vergangenen Jahr den „1001-Christenpreis für Mut und Zivilcourage in der Kirche“ der katholischen St. Michael Gemeinde Schweinfurt entgegen. Dieses Jahr erhält er den „Erich-Kästner-Preis“ des Pressclubs Dresden e.V., der jährlich an eine Persönlichkeit vergeben wird, die sich in hervorragender Weise um Toleranz, Humanität und Völkerverständigung verdient gemacht hat. Unter den bisherigen Preisträgern finden sich herausragende Persönlichkeiten wie Ignatz Bubis, Richard von Weizsäcker und Hans-Dietrich Genscher. Der Preis wird am 2. November 2008, einen Tag nach der 3. HOPE Gala im Schloss Albrechtsberg in Dresden übergeben. Geraldine Chapman und Mario Adorf, Nana Mouskouri und Udo Lindenberg haben sich angesagt. „Eine ganz große Kiste“, sagt Hippler, „dabei bin ich doch eigentlich nur ein kleiner Pfarrer.“